Klassenfahrten

Die Tage schrieb die gute Anita auf ihrem Blog etwas zu ihren Erfahrungen mit Autisten auf Klassenfahrten. Ich musste mich bei den Kommentaren dann ziemlich zusammen reißen (Redewendung), nicht einen halben Roman bezüglich meiner eigenen Erfahrungen zu schreiben. Aber wozu betreibt man denn einen eigenen Blog? Dann werde ich euch eben hier von meinen Erfahrungen von Klassenfahrten und Schulausflügen erzählen.

Meiner Erfahrung nach ist es durchaus möglich, als Autist an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Auch wenn definitiv die Einstellungen der mitreisenden Lehrer und auch der Schüler stimmen müssen. Aber am besten beginne ich einfach von Anfang an, was alles bei mir persönlich schon möglich war.

Die erste Klassenfahrt war – wie sollte es auch anders sein? – in der Grundschule. Dritte oder vierte Klasse. Für mich dann natürlich schon direkt mit Diagnose. Drei Tage an einer großen Talsperre in der Gegend. Problem; Ich konnte nicht mit „meinen“ Mädels auf ein Zimmer. Zur Erinnerung; In der Grundschule hatte ich durchaus eine Gruppe, in der ich mehr oder weniger fest integriert war. Allerdings bekam ich die Ansage, dass ich ruhig in das andere Zimmer könnte. Und so kam es dann auch. Waren wir in der Jugendherberge, tingelte ich ständig zwischen den eigentlich verfeindeten Mädchenzimmer hin und her (ich war auch die einzige, die einfach so ins andere Zimmer durfte). Und während die Klassenkameraden auf den Fluren irgendwelchen Schabernack trieben, blieb ich die ganze Zeit auf dem Zimmer und wusste nicht, wie ich mich überhaupt beteiligen sollte. Wozu denn auch? Die Zeit in der Jugendherberge war für mich Erholung von den Ausflügen, bei denen ich mehr oder weniger an der Klassenlehrerin klebte, um nicht die Übersicht über das Geschehen zu verlieren.

Was mich damals und noch Jahre später ärgerte; Ich konnte nicht den Farbfilm in meiner Kamera wechseln. Nach 36 Bildern war folglich Schluss.

Die nächste Klassenfahrt kam dann in der 5. Klasse. 5 Tage Kennenlernfahrt in die Eifel. Dieses Mal war ich sogar mit meinen Mädels auf einem Zimmer. Doch es lief ähnlich wie schon in der Grundschule. Außerhalb des Pflichtprogramms blieb ich meistens auf dem Zimmer, während die anderen auf dem Hof tobten. Was sollte ich da auch? Auf meinem Zimmer war ich wenigstens vor dem Mobbern sicher.
Tja. Und beim Pflichtprogramm gab es, abseits der Lehrerschaft, auch einen ersten kleinen Vorfall. Einmal sollten wir Spätabends, ohne jegliches Licht und alles, gemeinsam durch den Wald zu einem Treffpunkt gehen. Wieder in kleinen Gruppen von etwa 5 Personen. Da ich in meiner Gruppe auch wieder ein paar meiner Mädels hatte, soweit kein Problem. Nur, mehr als eine grobe Wegbeschreibung hatten wir nicht. Wir wussten nur, dass wir uns an einen Fluss halten sollten. Dort käme irgendwann eine Brücke, die sollten wir überqueren, dann seien wir auch schon da. Blöd nur, dass an diesem Fluss an einer anderen Stelle ein Baum gestürzt war, der ebenfalls eine natürliche Brücke darstellte. Also ging der größte Teil der Gruppe davon aus, DAS sei die Brücke. Ich jedoch, irre schlecht in der Grobmotorik, hatte Bedenken da jetzt drüber zu müssen. Zudem gab es ein Licht irgendwo weiter hinten im Wald, was ständig blinkte und mich somit blendete. Meine Nachtsicht wurde durch eben dieses Licht komplett zerstört. Sprich, ich war blind, und stand vor einem rauschenden Fluss. Schließlich begann ich zu schreien. Dieses Licht dort hinten machte mich einfach verrückt, die dadurch genommene Sicht panisch. Zudem Begriff ich nicht, was das sollte; Wir sollten schließlich OHNE Licht auskommen. Dieses Blenden war mehr als gemein. Durch das Schreien fiel zudem eine Klassenkameradin IN den Fluss …

… letzten Endes liefen ein paar Klassenkameraden loß. Zu dem Licht, um Hilfe zu holen. Es waren auch tatsächlich die Aufsicht führenden Erwachsenen. Die in den Fluss gefallene Klassenkameradin fiel auf dem Weg zurück in die Jugendherberge zudem noch in Ohnmacht und erhob auch Tage später noch immer ziemliche Vorwürfe gegen mich. Das sei ja alles überhaupt erst passiert, weil ich so geschrien hätte. Nur war sie die einzige, die mir da überhaupt Vorwürfe machten. Die anderen verstanden, dass ich selbst in dem Moment einfach nur Angst gehabt hatte und deshalb begonnen hatte zu schreien und alles um mich herum abzuwehren.

Wie gesagt war das aber der einzige wirkliche Vorfall auf dieser Klassenfahrt. Doch es ärgerte mich damals schon enorm kaum zu wissen, was als nächstes auf dem Programm stand. Ich war aufgeschmissen. Von der Nachtwanderung erfuhren wir auch erst, als es wirklich los ging. Bei den Klassenfahrten, bei denen ich einen festen Ablaufplan hatte (möglichst auch in Papierform), war ich diesbezüglich gleich viel entspannter.

… das nächste Pflichtprogramm in der Realschule wäre dann eigentlich erst die Abschlussfahrt in der 10. gewesen. Von einzelnen Tagesausflügen abgesehen, bei denen das größte Problem für mich war, irgendeine Gruppe fürs Umherlaufen zu finden. Abgesehen davon, dass die anderen immer irgendwelches „blödes“ Zeug machten (Shoppen!), während ich damit zufrieden gewesen wäre auf einer Bank zu sitzen und zu entspannen. Das strapazierte zuweilen schon ziemlich meine Nerven, doch die Erschöpfung kam dann immer erst hinterher.

Doch wie ich ja schon woanders schrieb, nahm ich verrückte auch an zwei Austauschprogrammen teil. Einmal nach Frankreich, einmal mit Polen (der aber einseitig verlief). Aber es wiederholten sich altbekannte Muster. Dieses Mal klebte ich zwar an meiner Freundin aus dem nächsthöheren Jahrgang, die mit auf dem Austausch war, aber in der Gastfamilie hielt mich auch meistens einfach auf dem Zimmer auf. Zudem hielt ich mich ziemlich strikt an die Anweisungen, die vom Lehrpersonal gegeben wurden. Im Gegensatz zu manch anderem Schüler. Irgendwo bei meiner Mutter muss auch noch ein sehr ausführlicher Bericht zu diesem Austausch herum liegen, für den ich damals eine 1+ bekam (vielleicht hole ich mir den irgendwann und schreibe dazu nochmal ausführlicher).

Im übrigen gelang es uns sehr erfolgreich, dem französischen Teil des Austauschprogramms „Viva Colonia“ beizubringen 😉

Aber wie schon gesagt; Man sollte mir nicht vorwerfen, dass ich meine Aufgaben nicht ernst nehmen würde. Beim Gegenbesuch verzweifelte ich beinahe daran, dass man mir nicht mitteilte, was meine Austauschschülerin bei der 10km-Wanderung machen sollte. Als Typ-1-Diabetikerin hatte sie ein Sportattest und sollte an der Wanderung möglichst nicht teilnehmen. Also rannte ich den Lehrern hinterher, dass die das auch bloß mitbekamen. Erhielt nur nie eine zufriedenstellende Antwort. Letztendlich musste ich mich mit einem ziemlich mulmigen Gefühl in den Bus setzten und einfach hoffen, das alles gut ging. Zufrieden war ich damit so überhaupt nicht …

Ach so. Der Gegenbesuch war auch das erste und einzige Mal, wo ich vom ungeliebten „Sinnlos herum laufen“ verschont blieb. Ich und besagte Freundin hatten beide keine Lust auf Shoppen in Bonn und wollten lieber in eine Buchhandlung. Netterweise fand sich ein Lehrer, der ebenfalls in eine Buchhandlung wollte. Somit waren wir unter Aufsicht und wir gingen zu dritt einfach los in diese Buchhandlung. Auch wenn die Schülergruppe streng genommen zu klein war 😉

Beim Austausch mit Polen trat ich zudem die sozialen Interaktionen eher an meinen Bruder ab. Aber auch hier; Keine Zwischenfälle. Nur ein lustiges Missverständnis (sinngemäße Widergabe).
– „Ich lerne nicht für die Mathearbeiten.“
– „Ach, hast du es auch schon aufgegeben?“
– „Nein! Ich muss dafür einfach nicht lernen!“
… zu der Zeit war ich in Mathe unangefochtene Klassenbeste. Die Klassenarbeitshefte erhielt ich stets zuerst; Was in dem bedeutete, dass ich die beste Arbeit geschrieben hatte.

Zwischenfälle gab es erst wieder auf der Abschlussfahrt nach England. Oh, und nachgewiesener Maßen das erste Mal mit einer Digitalkamera! Sprich, ich konnte wild herum knipsen 😉 Ohne mir um irgendwelche Filme Gedanken zu machen, die ich bis zuletzt nie ordentlich wechseln konnte (und da sind Digitalkameras mit SD-Karten echt ein Segen!).
Aber was war passiert? Wir fuhren mit dem Bus nach England, über Nacht. Und während die anderen Schüler sich bis tief in die Nacht amüsierten und ihren Spaß hatten, wollte ich einfach nur … schlafen. Unbemerkt von allen anderen geriet ich in der Nacht in einen Meltdown. Die Ohrstöpsel waren zu schwach, als dass ich bei dem Lärm irgendwie ans Schlafen hätte denken können. Zumal ich damit im Auto eh schon längst Probleme hatte und es schlicht nicht mehr konnte. Endlich in England angekommen fiel ich daher nur noch ins Bett. Die nächsten Tage war ich aber ungewöhnlich übellaunig. Durch die verpasste Nacht (und sehr wahrscheinlich auch des Meltdowns, aber den habe ich damals noch nicht einmal als solchen erkannt) war ich einfach nur noch müde, und bei den vielen Ausflügen schwoll irgendwann mein damals verletzter Fuß mächtig an. Gegen Ende der Fahrt wollte ich einfach keinen Schritt mehr gehen und machte das auch überaus deutlich. Nur wolte man sich da nicht so einfach drauf einlassen, dass ich schlicht nicht mehr gehen wollte und warf mir vor, die ganze Truppe zu tyrannisieren. Ja, aber ich hatte immerhin auch den gebrochenen Zeh und Schmerzen bei jedem Schritt, den ich tat. Wer will denn da schon laufen?

Außerhalb der Ausflüge zog ich mich, Überraschung, die meiste Zeit in mein Zimmer zurück (ich war die einzige mit einem eigenen!) und schlief auch sehr viel. So verpasste ich auch den kleinen Vorfall, in dem ausgerechnet die kleinste und dünnste der Klasse das Klo unseres Bungalows verstopfte (im übrigens genau dieselbe, die in der 5. in Ohnmacht gefallen war). Ich war nur irritiert, als pötzlich die Klassenlehrerin in meinem Zimmer stand und fragte, ob mit mir alles ok wäre. Von der ganzen Aufregung erfuhr ich erst an nächsten Morgen. Was sicherlich auch besser so war. Toiletten gehören zu den Dingen, wo es mir irrsinnig schwer fällt, mit einem Ausfall zurecht zu kommen.

Bei der Rückfahrt übrigens stellte ich mich von Beginn an darauf ein, die Nacht nicht schlafen zu können. Weshalb es dieses Mal zu keinem Meltdown kam. Außerdem wusste ich, dass ich zu Hause erst einmal würde ordentlich ausschlafen können. Ironischer Weise habe ich auf der Rückfahrt aber tatsächlich für eine Stunde schlafen können. Die anderen Schüler waren immerhin auch alle müde, und somit war es sehr viel ruhiger im Bus als auf der Hinfahrt.

Tja. Und trotz allem verbot man mir die Abschlussfahrt in der 13. … was ich bis heute nicht ganz verarbeitet habe.

Aber was kann ich nach meinen Erfahrungen Eltern und anderen Autisten für Hinweise geben, wenn eine Klassenfahrt ansteht?

  • Lasst euch einen schriftlichen Ablaufplan geben, was auf der Fahrt alles gemacht werden soll. Möglichst mit Tages- und Uhrzeiten
    (Gehört übrigens schlicht zu einer guten Planung und hilft auch anderen Schülern!)
  • „Sucht euch selbst eine Gruppe“ ist meiner Erfahrung nach ziemlich schwierig, vor allem wenn man in der Klassengemeinschaft komplett isoliert ist. Hier würde ich mir eigentlich mehr Feingefühl von den Lehrern wünschen. Wichtig sind hier auch auf jeden Fall klare Absprachen und eventuell außergewöhnliche Lösungen (z.B. nicht alleine los ziehen, sondern schlicht beim Lehrpersonal verbleiben). Blind zuweisen hilft hier nicht. Niemand verbringt einen Ausflug gerne mit Personen, die er nicht ab kann.
  • Regelt insbesondere bei mehrtägigen Ausflügen die Rückzugsmöglichkeiten. Ich hatte Glück, immer unter relativ ruhigen Mädchen zu sein. Aber auch das ist ja leider nicht immer gegeben.
  • Das letzte Wort, ob bei etwas mitgemacht wird oder nicht (wenn beide Optionen da sind), sollte der Autist selbst haben! Entscheidet bitte NIE ohne Absprache FÜR ihn/sie!
    [Denn genau daran ist mir unter anderem auch die Abschlussfahrt in der 13. zerbrochen … man ging einfach Mal davon aus, dass mir alles zu viel werden würde. Ohne Mal genauer mit mir darüber zu sprechen, wie ich das sehen würde.]

Natürlich kommt es dabei auch immer auf den Einzelfall an. Wie lange dauert der Ausflug? Wie belastbar bin ich/mein Kind? Viel hängt auch (meiner Erfahrung nach) schlicht von der sozialen Situation innerhalb der Klasse ab. Oder der generellen Einstellung der Lehrer.

Zuletzt bleibt im Grunde nur noch das zu sagen, was Anita in anderen Worten auch in ihrem Text schreibt; Man kann nicht generell sagen, dass Autisten nicht an Klassenfahrten teilnehmen können. Aber generell zu sagen, dass sie es können, ist leider ebenfalls falsch. Und wie gesagt, die Entscheidung sollte letztendlich beim Autisten selbst liegen. Denn es kann verdammt weh tun zu Hause bleiben zu müssen, wenn man eigentlich genau dasselbe tun will, wie alle anderen auch. Aber es kann genauso anstrengend sein zwingend mit auf die Fahrt gehen zu müssen, wenn man sich schon allein bei dem Gedanken unwohl fühlt. Bei mir war das zum Glück nie nötig. Aber ich bin nur eine von vielen unterschiedlichen …

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