Autistin stationär: Tag „5“

Nicht vorhandene Zimmer, und plötzlich unnötig gewordenen Untersuchungen …

Letzten Freitag hatte ich schon ein erstes Gespräch zur geplanten OP. In einer anderen Klinik. Ich bin tatsächlich letzte Woche nach NRW gefahren, um die OP in einer Klinik in der Nähe meiner Familie vornehmen zu lassen. So dass regelmäßig Familienmitglieder vorbeischauen und im Notfall schnell helfen können.

Ach, und überhaupt, Familienmitglieder. Meine Tante arbeitet schon seit langem als Schwester in dieser Klinik. Und wie meine Tante eben so ist, ist sie durch sämtliche Stationen gelaufen und hat mich angekündigt. Viele mussten am Freitag und heute dann schon gar nicht mehr darauf hingewiesen werden, dass ich Autistin bin und was das konkret bedeuten kann. Erleichtert für mich dann zum Glück schon ein wenig die Arbeit.

Aber wie gesagt, viele. Einige gab es da schon.

Am Freitag war ich dann nur sehr kurz im Krankenhaus. Ich hatte einen Termin beim Chefarzt, der sich meinen Fall anhörte und auch gleich eine entscheidene Info gab; Die OP würde minimalinvasiv gemacht werden. Er sah absolut keinen Grund, der gegen diese Operationsmethode sprechen würde. Ich holte mir zusammen mit Tante und Bruder dann noch kurz einen Laufzettel oben auf Station und vereinbarte den OP-Termin für morgen.

Heute waren dann die Voruntersuchungen. Wenn man diese überhaupt so nennen kann. Aber von Anfang an.

Weil ich direkt um halb neun antanzte, war es im Foyer noch sehr ruhig. Meine Mutter amüsierte es nur, dass ich bei jedem Signalton der Aufzüge zur Anzeige aufschaute. Aber woher hätte ich denn wissen sollen, welches Signal jetzt der Aufzug, und welches die Anzeigetafel mit meiner Wartenummer?

Bei der Aufnahme dann die erste Kuriosität; Man erschreckte über meinen Wohnort und fragte, ob ich denn noch heute dort hin zurück fahren wollte. Dass das eine Fahrzeit von insgesamt mindestens 9 Stunden bedeutet hätte, wusste man wohl nicht. Aber wenigstens wunderte man sich nicht weiter, dass ich sowohl meine aktuelle Hausärztin, als auch meinen alten Hausarzt angab. Aber die Frage, welcher der beiden angegeben wurde, sollte heute noch öfters auftauchen.

Ich hatte allerdings schon ein schlechtes Gefühl dabei, als man mir unten eine andere Station nannte, als eigentlich geplant war.

Das Gefühl sollte sich oben auf Station bestätigen. Viele Betten waren jetzt belegt. Ein Einzelzimmer für mich nach aktuellem Stand nicht möglich. Hiobsbotschaft. Es wird wohl niemanden wundern, dass mir kurz die Tränen kamen als ich nochmal klar stellte, dass man mich im anderen Fall während meines Aufenthalts dauerhaft weg schießen müsste. Die folgende Blutabnahme war dann nur noch reine Routine. Außer dass ein Verband statt eines Pflasters angelegt wurde, weil überraschend viel Blut nach Entfernung der Nadel nachlief. Ich bekam einen neuen Laufzettel in die Hand und bemerkte sofort, dass der Ultraschall vom Zettel verschwunden war. Der war in der Zwischenzeit unnötig geworden, wie man mir erklärte. Man hätte ja die Bilder aus der anderen Klinik. Also blieben noch zwei Stationen; Die Chirurgie und die Anästhesie.

Auf dem Weg zur Chirurgie wunderte ich mich, wie gut sich meine Mutter in den Gängen zurecht fand, während ich fast ziellos umher irrte. Doch sie hatte den Laufzettel in der Hand und damit schlicht mehr Informationen als ich. So saßen wir kurz darauf wieder in einem Wartebereich, bis ich schließlich aufgerufen wurde.

Ich bin niemand, dem man sehr kleinlich alles erklären muss, wenn es um Medizin geht. Ich mag zwar Bioinformatikerin sein, aber mit meinem Wissen über Biologie komme ich schon oft ein Stück weiter. Außerdem sind sich biologische und medizinische Vorgänge oftmals sehr ähnlich 😉 Und ich hatte ja schon die Aufklärungsbögen. Folglich war das Aufklärungsgespräch zur OP auch schnell erledigt. Ich werde dann in Zukunft mit zwei Klammern im Bauch leben. Seltsam wurde es nur als es darum ging, den Aufklärungsbogen zu unterschreiben. Die Ärztin stellte doch glatt die Frage, ob ich den selbst unterschreiben könnte, oder ob meine Mutter das tun müsste. Ja, mein Autismus war vorher auch schon kurz Thema gewesen. Aber sollte das allein der Grund gewesen sein, war es trotzdem noch immer sehr seltsam. Nur weil ich Autistin bin heißt es noch lange nicht, dass ich nicht selbst entscheiden kann. Ich brauche nur vielleicht manchmal etwas länger. Aber an und für sich weiß ich doch ziemlich genau, was ich für mich selbst will.

Nächste Station; Anästhesie. Zwischendurch schrieb ich meiner Tante erneut, wo wir seien. Sie hatte uns wohl noch im vorherigen Wartebereich gesucht, wo wir aber schon längst nicht mehr waren. Zwei Etagen weiter oben mussten wir erst einmal darauf warten, dass die Anmeldung wieder besetzt war. Während der Wartezeit hier schaute ich, neugierig wie ich bin, Mal in meine Unterlagen und entdeckte ein Schreiben von eben dem Arzt, der mir als erster das Asperger-Syndrom diagnostiziert hatte. Eines, das wir noch nicht kannten. Meine Mutter und ich beschlossen sofort, uns das wenn möglich kopieren zu lassen. Wir haben seit Jahren eine Fehde mit diesem Arzt am laufen und kommen schwer an irgendwelche schriftlichen Stücke von ihm. Ohne Ämter läuft da nichts.

Die kurz darauf erscheinende Damen kannte dann auch zufällig meine Mutter. Nicht etwa von ihrem eigenem stationären Aufenthalt vor einigen Wochen, sondern vom Kaffeetrinken bei meiner Tante. Somit war das Gespräch in der Anmeldung wohl das lockerste des Tages, und kurz darauf durfte ich wieder auf eine Ärztin warten.

Das nächste Gespräch lief zunächst normal. Bis die Ärztin über die kurzen Aufklärungsbögen in meiner Patientenakte stolperte und auffällig genau studierte. Daraufhin veränderte sich ihr Verhalten und ihr Ton schlagartig. Sie behandelte mich fast schon wie ein rohes Ei (RW). Und ja, ich fand das in dem etwas übertrieben. Wenigstens konnte ich dann klar sagen, erst Herz und Lunge abhören (alles in Ordnung, wie immer), dann durch die Fragen gehen. Sie erklärte mich dann auch sehr gut den ganzen Ablauf vor und nach der OP. Nur als meine Mutter dann fragte, ob es im Aufwachraum wohl möglich sei, dass ich Ohrstöpsel bekomme; „Ja, wie sollen wir dann mit Ihnen kommunizieren?“. Kreatives Denken war wohl nicht angesagt. Abgesehen davon, dass mein Gehör so scharf ist, dass Ohrstöpsel allein die Umgebung etwas dämpfen. Im Flüsterton kann man sich dann tatsächlich nicht mehr mit mir unterhalten, ganz normal schon. Ich blieb etwas irritiert von dem Verhalten, unterschrieb aber auch hier brav den Bogen.

Und zurück ging es wieder nach oben zur Station, wo wir wieder einmal warten mussten. Während der Wartezeit staute sich in mir ziemlich viel Frust an. Einmal mehr schien meine Diagnose absolut nichts zu bringen. Ich hatte das Gefühl, dass man mir zum einen mit Ablehnung begegnet, zum anderen aber Mal wieder nicht meine Bedürfnisse nicht ernst genug nimmt. Einmal mehr das ohnmächtige Gefühl, dass das medizinische System in Deutschland uns Autisten im Stich lässt. Wenn es um andere Erkrankungen geht, scheint einfach nichts auf uns ausgelegt zu sein. Das ganze mündete dann in einen kleinen Meltdown, in dem ich meinen ganzen Frust einmal geballt heraus schrie und den Arm auf die Stuhllehne schlug. Meine Mutter weiß zum Glück, wie sie mit so etwas umgehen muss.

Als ich mir dann den üblichen Kakao aus dem Automaten gezogen hatte (eine kleine Tradition in diesem Krankenhaus, ich brauche immer einen Kakao! War schon als kleines Kind so), wurden wir auch schon wieder aufgerufen. Was ich unter Chesters Schreien dieses Mal gar nicht mitbekommen hatte [ist übrigens sehr beruhigend zu wissen, dass ich wieder relativ normal Linkin Park hören kann]. Dort dann die gute Nachricht; Nach aktuellem Stand war ein Einzelzimmer doch möglich. Jetzt bleibt noch zu hoffen, dass das auch weiterhin so bleibt. Denn dannach ging es erst einmal wieder zu meiner Mutter nach Hause. Aufnahme ist erst morgen.

Die OP ist dann morgen ganz früh. Zuletzt war ich ganz vorne auf dem OP Plan. Da hat mich wohl die Ärztin von der Anästhesie doch ernst genommen und mich so auf den Plan gesetzt, dass der Aufwachraum noch relativ ruhig sein wird. Keine Ohrstöpsel nötig 😉

Aber je näher der OP-Termin rückt, desto größer wird die Angst. Was, wenn mein Autismus morgen doch im falschen Moment schlicht ignoriert wird? Was, wenn irgendwas wieder schief geht?

Mal sehen, ob ich die Nacht überhaupt schlafen kann …

 

2 Gedanken zu „Autistin stationär: Tag „5“

  1. Ich bin nach meiner ersten Operation mit Vollnarkose vor einigen Jahren sowas von entspannt und tiefglücklich aufgewacht – das war so schön. Leider hab ich dieses Gefühl seitdem nie wieder gehabt, aber vergessen werd ich es nicht ^^

    Klar, der Gedanke wem ausgeliefert zu sein und nix mitbekommen ist etwas beängstigend, aber manchmal muss man da halt leider durch, gefällt keinem. Und die Sache ist ja recht fix wieder vorbei.

    Tschakkaaaa, Du schaffst das.

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