Archiv für den Monat: Juli 2017

Kleiner Zwischenfall

Heute hätte mich beinahe die Gedankenlosigkeit ein paar Mitreisenden, die sich sicherlich nichts schlimmes dabei gedacht haben, an den Rand meiner Handlungsfähigkeit getrieben.

Was ist passiert?

Ich bin heute mit dem Zug zurück nach Hause gefahren. 7 Stunden planmäßige Fahrt, mit schweren Gepäck und Fernverkehrszügen. In der ersten Regionalbahn lief noch alles wie gehabt. Auch als ich in den IC stieg, ahnte ich nichts böses. Im Abteil (es waren alte Wagen) saß schon ein älterer Herr auf meinem Platz, der nicht allzu gut Deutsch stand. Ich setzte mich dann einfach ihm gegenüber. Auch wenn ich bemerkte, dass er eigentlich auf meinem Platz sitzen würde. Zunächst waren wir maximal drei Personen im Abteil. Alles in Ordnung.

Dann kam die vorletzte Station, bevor ich nochmal umsteigen musste. Mit 50 Minuten Aufenthalt an einem sehr belebten Hauptbahnhof. Ich wusste, dass ab diesem Bahnhof alle anderen Plätze reserviert sein würden. Der verbleibende Platz war meine Reservierung. Es kam jedoch keiner, der Anspruch auf die Plätze erhob. Jetzt musste ich jedoch auch nach gut 3 Stunden fahrt einfach Mal auf Toilette. In dem kam plötzlich eine Familie mit drei Kindern, die ihre Plätze suchten. Wo hatten sie diese? Genau, mit in meinem Abteil. Als ich von der Toilette zurück kam, hatte man meinen Rucksack vom Sitz genommen (mit dem ich meinen Platz markiert hatte!) und der einzige freie Sitz war in der Mitte. Für mich eine Katastrophe. Man hatte mir meine Ecke weggenommen, in die ich mich hätte zurückziehen können. Jetzt hatte ich links und rechts von mir fremde Personen und konnte nirgends mehr hin. Dazu noch ein Kind, was von dem einen Schoß auf den anderen wollte. Immer wieder wurde ich angestoßen. Schnell ging ich raus. Und entschied schließlich, mein Gepäck auf dem Abteil zu holen und mich einfach auf den Gang zu setzten. Obwohl ich schließlich für einen Sitzplatz extra Geld gezahlt hatte. Doch ich wollte auch nicht, dass die Familie jetzt meine blöde Situation mit voller Wucht abbekam. Deshalb schlug ich auch die Hilfe eines Mitreisenden aus, der vorher kurz mit um Abteil gewesen war und mitbekam, dass ich irgendwie aufgebracht war. Übrigens war jedes Mal, wo ich wieder zum Abteil kam, immer ein anderer Sitz noch frei.

Ehrlich. Hätte man mir den Sitz gelassen, wo mein Rucksack stand, oder meinen reservierten Platz, wäre NIE etwas passiert. Ich dachte eigentlich ich hätte dem älteren Herrn ohne Reservierung deutlich gemacht, dass ICH in diesem Abteil noch eine Reservierung hätte. Nur entweder hatte er es nicht verstanden, oder er hat es nicht für notwendig empfunden es mitzuteilen. Oder alle dachten, es würde einfach nur um einen Platz gehen. Nicht um einen Platz mit _bestimmten_, fest definierten Eigenschaften. Ich sitze immer am Fenster, weil ich da meine Ecke habe. Weil ich da meistens Abstand zu anderen Menschen haben. Im ICE baute ich mir anschließend eine Art Festung, indem ich meinen großen Koffer in die Lücke vor dem Sitz neben mir schob. Und fühlte mich augenblicklich trotz Großraumabteil pudelwohl. Und ich kann von Glück reden, dass sich die zerstörte Routine nur in furchtbarer Aufgekraztheit geäußert hat. Ich war kurz vor einem Meltdown. Dass mein Handy nicht durch den Zug flog, habe ich aktiv im Innern verhindern müssen. Die Aggressionsschübe waren da.

Insgesamt habe ich leider auch den Eindruck, dass Bahnfahrten für mich zunehmend schwierig werden. Der neue IC2 hat nur noch Großraumabteile (mehr Leute, mehr Geräusche, mehr Reize!) und Ruheabteile (ein SEGEN in Zeiten des Großraumes, soweit sich alle an die Regeln halten) gibt es dort nur in der ersten Klasse. Liebe Deutsche Bahn, was um alles in der Welt habt ihr euch dabei eigentlich gedacht? Abgesehen davon, die neuen Sitze sind einfach unbequem im Vergleich zu denen im modernisierten IC! Mal so nebenbei bemerkt.

Das Fazit bleibt jedoch, dass das alles gar nicht hätte passieren müssen. Wenn sich schlicht einige Leute etwas enger an die bestehenden Regeln gehalten hätten und einfach die tatsächlich für sie reservierten Plätze eingenommen hätten. Dann wäre eine Autistin heute sicherlich nicht an den Rand eines Meltdowns getrieben worden. Auch wenn es sicherlich nicht böse gemeint war …

Nichts ohne uns über uns!

Und es geht weiter …

Natürlich handelt es sich hier um die Bloggerin von Autismus – Keep calm and carry on. Und wir sind auf Twitter häufiger in denselben Diskussionen beteiligt. Doch sie hat in diesem Strang [ausdrückliche Leseempfehlung!] ein Problem angesprochen, was speziell in den letzten Tagen gehäuft auftrat; Mit ihr sprach man. Mit uns Autisten nicht oder auf eine vollkommen andere Art und Weise. Auch wurden Reaktionen vollkommen verschieden bewertet, obwohl sie ähnlich ausfielen. Teilweise war ich es auch selbst, die einfach mal ignoriert wurde, oder der emotionales Verhalten unterstellt wurde.

Ein Beispiel [aus einer Diskussion in der es darum ging, dass Autisten _nicht_ zwingend einen höheren Hilfsbedarf haben als Asperger-Autisten und ebenfalls nicht zu 99.9% geistig behindert sind.]

[Ich]
Ehrlich, mir kommt es noch nicht Mal auf die Zahlen an. Nur machen Sie leider den Eindruck, als würden sie manche existierenden Vorurteile nicht hinterfragen wollen. Und das finde ich ziemlich schade.]

[Ein Heilerziehungspfleger in Ausbildung]
Ihre Ansicht. Die ist mir ziemlich scheiß egal.

Ich hatte in der Diskussion vorher nur einzelne Fragen gestellt, um seine Gedanken in eine etwas andere Richtung zu lenken. Weg von den offensichtlichen Vorurteilen. Übrigens von einer Person, die wohl mit Autisten arbeitet. Erst auf diesen Tweet kam von meiner Seite eine etwas schärfere Reaktion. Dann ging ich raus. Immerhin hatte man sich schon vorher darüber ereifert von Asperger-Autisten „angemault“ zu werden, wo er doch von frühkindlichen Autisten spreche [er schrieb _nur_ von Autisten. Oh … nettes Argument für die Diskussion um den umgangssprachlichen Begriff, nebenbei bemerkt]. Mir würde er also eh nicht mehr zuhören.

Irgendwann am Abend kam dann folgender Tweet, nachdem er u.a. bei AnitaWorks für die sachliche Diskussion bedankt hatte

Ihr seid vor allem nicht persönlich geworden, sondern fachlich und sachlich, persönliche Argumentationen hasse ich. Bringt halt nichts

Und dem wiederum widerspricht AnitaWorks entschieden. Wo ich mich nur anschließen kann. Ist mein sachlich formulierter Eindruck etwa auch schon ein persönlicher Angriff? Und als sie gefordert waren, habe ich durchaus schnell einen Artikel mit Nachweisen geliefert [ist übrigens lustig wenn man auf Google verwiesen wird, und der erste Eintrag die eigene Position unterstützt, nicht etwa die Gegenseite].

Wie gesagt. Es ist leider ein Problem, was in den letzten Tagen öfters vorkam. Autisten innerhalb der Diskussion wurden geziehlt ignoriert und ihnen ein Verhalten unterstellt, was nicht zutraf. Mit anderen Personen aber wurde dann genau dieselbe Diskussion geführt. Aktuell warte ich wieder in einer Diskussion auf eine Reaktion einiger eingeworfener Fragen. Ich meine, was sagt ein solches Verhalten über die Meinung bezüglich Autisten dieser Leute aus? Sind wir es etwa noch nicht einmal wert, dass man mit uns spricht, wenn es doch gerade um uns geht? Dabei ist es egal, ob es jetzt um Vorurteile geht, oder um die Verwendung des Begriffs außerhalb des medizinischen Kontextes. Man erkennt unsere Meinung nicht an, selbst wenn wir selbst direkt betroffen sind. Hier bei Diskussionen im Internet, aber auch bei diversen Fachkonferenzen über Autismus. Ein Umstand, der sich dringend ändern muss.

Nur wo soll man beginnen, wenn ein solches Verhalten überall auftaucht?

Der unsichtbare Plan

Es wird wohl aufgefallen sein, dass letztes Wochenende kein Beitrag von mir online ging. Der vom Dienstag offensichtlich spontan und aus konkreten Anlass entstanden. Der von gestern ebenso.

Dass der Beitrag letztes Wochenende ausfiel hat einen ganz einfachen Grund; Ich bin zur Zeit nicht zu Hause. In der Folge fehlt mir sämtliche Routine und ich stehe permanent unter Stress. Denn die wöchentliche Routine ist etwas, das mit Sicherheit gibt und mich ruhig hält. Fehlt diese Ruhe, stehe ich andauernd unter Strom. Muss zu viele Entscheidungen zu schnell treffen. Und das belastet.

Man muss sich hier jedoch keinen minutiösen Wochenplan vorstellen, an dem ich festklebe. Normalerweise stehe ich um 7 Uhr auf. Das liegt aber auch daran, dass 7 Uhr die beste Uhrzeit ist, die sich sowohl mit Zu-Hause-Tagen als auch mit Uni-Tagen vereinbaren lässt. Davon abweichen zu müssen, weil eine Vorlesung doch schon um 8 Uhr beginnt, bedeutet dann immer schon Stress. Morgens früher aufstehen bedeutet abends früher ins Bett gehen, nur kann ich vor der gewohnten Zeit oft gar nicht erst einschlafen und schlafe in der Folge insgesamt extrem unruhig. Natürlich muss ich am nächsten Tag trotzdem funktionieren. Obwohl die Müdigkeit direkt sämtliche Kompensationsfähigkeiten heruntersetzt.

Soweit ich zu Hause bin, gehe ich nach dem Aufstehen sofort duschen, frühstücke und setze mich noch ein wenig vor den Computer. Dabei sieht das Frühstück immer ziemlich gleich aus. Haferflocken mit Milch. An Sonntagen auch mit Früchten und Schokolade, die ich selbst dafür schneide. Deshalb sind Antibiotika-Einnahmen für mich auch schon allein deshalb problematisch, weil man bei manchen keine Milch-Produkte essen darf.

Wie es dann weiter geht hängt davon ab, ob und wann ich an diese Tag Vorlesungen habe, was für die Arbeit getan werden muss, oder schlicht welcher Wochentag ist. Lebensmittel kaufe ich meistens in der Woche an ein und demselben Tag. Was auch damit zusammen hängt, dass ich nach einem Einkauf im Supermarkt erst Mal eine volle Stunde brauche, bis ich wieder etwas anderes tun kann.

Aber es sind nicht nur die Tagesabläufe, wo ich eine gewisse Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit brauche, damit ich nicht zu schnell erschöpfe. Wie gesagt sieht mein Frühstück immer relativ gleich aus. Dasselbe gilt für das Abendessen. Das ist sogar noch gleichförmiger als das Frühstück. Die meiste Varianz habe ich noch beim Mittagessen. Aber auch da wechsle ich meistens zwischen fünf bis sechs Gerichten hin und her. Und meistens sind das dann nur Varianzen der immer gleichen Zutaten. Zum Glück scheine ich es noch irgendwie zu schaffen das ganze so ausgewogen zu gestalten, dass meine Blutwerte allesamt in Ordnung sind. Wenn ich dann mal nicht meine gewohnten Lebensmittel zur Verfügung habe, muss ich mich umstellen. Dann habe ich zwar manchmal zehn verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl, mein Brot zu belegen. Aber von diesen zehn entspricht keiner meiner üblichen Auswahl. Was schmeckt mir jetzt? Von wie viel bin ich satt? Dasselbe Problem taucht auf, wenn die Brotscheiben rund und verschieden groß sind (weshalb das Brot bei mir zu Hause immer kastenförmig ist). Aber Mal ehrlich; Wer denkt schon daran, dass die Form des Brotes für jemanden problematisch sein kann? Ich kann rundes Brot zwar schon essen, aber wie gesagt, mir fehlt dann jegliches Maß, an das ich mich normalerweise halte.

Jetzt könnte man natürlich auch sagen; iss doch einfach, bis du satt bist. Schlechte Idee bei mir. Mein Hungergefühl ist bei Stress fast ständig präsent. Den gesamten Tag. Unabhängig davon, ob und wie viel ich esse. Folglich muss ich mich an irgendwelche festen Pläne halten, wenn ich nicht wieder unglaublich zunehmen will. Als ich von zu Hause auszog habe ich tatsächlich ein Jahr lang nur auf mein Hungergefühl gehört. Am Ende wog ich mehr als 120 Kilo. Seit ein paar Jahren schaffe ich es, mein Gewicht bei knapp über 100kg zu halten. Aber glaubt Mal nicht, dass ich damit zufrieden bin.

Das ist tatsächlich auch der Hauptgrund, wieso ich an bestimmten Plänen festhalte, die selbst meinem direkten Umfeld unbekannt sind. Selbstregulierung, Stressreduktion. Einfach weniger Nachdenken müssen im Alltag und somit mehr Reserven für unkontrollierbare Situationen haben. Wenn mein Alltag schön ruhig und regelmäßig bleibt, kann ich tatsächlich auch öfters komplett von ihm abweichen. Nur nicht für lange. Dann muss ich auch ganz schnell wieder zurück.

Deshalb sind auch komplette Umstellungen wie beim Wechsel von Vorlesungszeit zur vorlesungsfreien Zeit oder anders herum immer Stress für mich. Weil ich immer zwei bis drei Wochen brauche, um mich auf den neues Rhythmus einzustellen. Wenn der dann noch ständig verändert wird, ist das schlecht und ich bekomme öfters Overloads.

Ich könnte noch mehr Beispiele aufzählen, wo ich an kleinen Routinen klebe. Manch einer könnte sie von der Außensicht vielleicht sogar als Zwänge bezeichnen. Aber das ist überwiegend falsch. Zwar besteht bei mir tatsächlich der Verdacht einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung [wohl eher aufgrund meines Perfektionismus, den ich laufend an den Tag lege], aber Zwänge gehören zur Zwangsstörung. Wären es tatsächlich echte Zwänge, würde ich diese Routinen wohl als fremdartig und belastend empfinden [Ich beziehe mich gerade auf die Erklärung eines sehr guten Freundes, der tatsächlich eine schwere Zwangsstörung hat]. Tue ich aber nicht. Routinen haben etwas beruhigendes und gehören einfach zu mir. Würde man mir diese Routinen abtrainieren wollen, wäre das massiv schädlich für mich. Schädlicher als die Routinen es jemals sein könnten. Noch ein Grund mehr, es nicht fälschlich als Zwang zu bezeichnen.

Wie gesagt, die Anzahl an benötigten Routinen variiert schon bei mir je nach Verfassung. Und deshalb gilt hier Mal wieder speziell; Dieser Text beschreibt nur, wie es bei mir selbst ist. Bei anderen Autisten kann es schon wieder ganz anders aussehen. Deshalb; Immer offen für andere Beschreibungen bleiben 😉

Fehlende Sensibilität

Ehrlich, in den letzten Tagen komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Der erste Knaller war folgender Tweet

*** ist so autistisch, er schwitzt an den Knien und Schienbeinen aber nicht an den Kniekehlen. What.

Ich hätte mich da erst einmal gar nicht eingeschaltet. Solche geschmacklosen Witze findet man tagtäglich in den sozialen Netzwerken. Als die Verfasserin darauf angesprochen wurde, trat sie zunächst in ein Fettnäpfchen nach dem ersten. Bezeichnete Autismus als Krankheit und auf den Hinweis, dass es keine sei, schien die Bezeichnung auch vollkommen egal.

Der eigentliche Knaller kam aber hiermit

Ich denke ich benutze eher als viele mein Gehirn. Durch weniger Ficks geben bauen wir auch das zu Ernst nehmen vieler Themen ab. Und sorgen damit dafür, dass sowas wie Autismus mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann als unnötig beschützt zu werden.

Mit anderen Worten; Wenn wir es nicht zulassen, dass man sich über uns lustig macht, können wir nicht dazu gehören. Frage ist nur; Als was gehört man dann dazu?

Ehrlich. Ich habe nichts grundsätzlich gegen Witze. Sofern sie intelligent sind und niemanden schlecht darstellen. Trifft das auf obigen Witz zu? Schon die Formulierung „*** ist so autistisch“ klingt negativ. Und stellt Autismus wieder als etwas da, was linear ist. Wobei, ach, wir reden hier ja gar nicht von der medizinischen Diagnose! Nur, welche dritte Person kann das auseinander halten, die zufällig den Ursprungstweet liest?

Ich bin dann irgendwann in die Diskussion mit rein. Zugegeben, ich hatte von Beginn an einen für mich ziemlich scharfen Ton drauf. Weil die saloppe Haltung mich ziemlich nervte. Da nahm offensichtlich jemand das Problem nicht ernst. Dazu kamen noch Wörter wie „Bussi“ und „Schätzchen“. Die haben in einer Diskussion schlicht nichts zu suchen!

Ich glaub den Großteil der Autisten juckt sowas eh nicht und man kann differenzieren

Wie sich herausstellte, sollten andere eben aufgrund dieser Annahme den Witz gefälligst hinnehmen. Egal, ob sie selbst Autisten waren, die sich an so etwas störten.

Aber was jemand aus meinen sichtbar humoristischen Tweets für ne Scheiße dreht, weil er bekloppt ist, ist nicht mein Bier.

So etwas finde ich schlicht verantwortungslos. Und es sollte nicht das einzige Mal in dieser Woche sein, in der Verfasser sämtliche Verantwortung für ihre Aussagen von sich wiesen.

Ich habe dieses Gespräch irgendwann abgebrochen. In der Folge veröffentlichte die Verfasserin trotz Blockierung verschiedene Tweets von mir, verdrehte deren Sinn und machte mich und einige andere Autisten schlicht lächerlich. Ich meine, man kann verschiedener Meinung sein. Man kann sich streiten. Man kann auch auseinander gehen, ohne sich geeinigt zu haben. Aber dann noch über die Gegenpartei her zuziehen und diese lächerlich zu machen, ist einfach niveaulos. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass ich hier ja selbst einige Tweets zitiere. Ja, aber ohne Namen. Nicht als unzensierter Screenshot von Twitter. Ist schon ein Unterschied, oder?

Wie gesagt. Über das Thema Witze kann man sicherlich diskutieren. Es war primär das Verhalten der Gegenseite, was mich noch immer wütend macht.


Der nächste Knaller begann mit folgendem Tweet

Autisten sind die Visionäre der Zukunft. (Der umgangssorachliche Autist ofc)
[…]
Mit dem Tweet wollte ich ausdrücken, dass kreative Menschen im Internet die Zukunft für unsere Gesellschaft sind.

Na gut, ausnahmsweise was halbwegs positives. Aber fällt etwas auf? Hier sind Autisten Menschen im Internet. Verbunden mit den gängigen Klischee von Autisten als Computer-Freaks … keine gute Idee.

Ich weiß, dass „autistisch“ nicht gerade treffend ist. Aber ich finde, man sollte sowas nicht so eng sehen.

An dieser Stelle stieg ich dann mit in die Diskussion ein und versuchte zu erklären, wieso man es eben (leider!) doch enger sehen muss. Auch wenn es hier ausnahmsweise nicht negativ gemeint war. Es ändert nichts daran, dass durch solche Aussagen ein Bild von Autisten entsteht, das nicht zutreffend ist. Als man ihn darauf hinwies, kam folgende Aussage

wie schade ICH direkt Autisten. Ich hab doch nichts damit zu tun, was andere machen.

Und wieder; Verantwortungslosigkeit. Man selbst tut ja nichts böses. Was es für eine Endwirkung hat, damit hat man selbst nichts zu tun. Sehe ich leider nicht so. Es sind schlicht zu viele falsche Aussagen über Autismus, die im Netz kursieren. Da ist jede weiter schon eine zu viel. Und wir sprechen ja schon nur mit den Leuten, wo wir noch eine Chance sehen, dass sie das Problem verstehen.
Entgültig vorbei war dann die Diskussion, als der Verfasser noch einen Tweet likte, in dem eine weitere Teilnehmerin an der Diskussion ganz gezielt angegriffen wurde. Nachdem wir übrigens schon als beleidigte Leberwürste bezeichnet wurden.

Was soll man bitte dazu noch sagen?

In einer Nebendiskussion kam es dann übrigens noch zu folgenden Aussagen.

[Anderer Twitterer]
und genau da liegt ihr Fehler. „Schimpfwort“. Ne. Eben nicht. Wir benutzen das als POSITIVES WORT für Menschen die sich etwas anders benehmn

[Ich]
Es war nur ein Beispiel. Dazu kommt u.a. auch Beschränkungen auf wenige Symptome. Und wer bestimmt, ob etwas positiv ist?

[Anderer Twitterer]
Die Menschen die es in dem Fall benutzen. Man kann auch etwas übermoralisch reagieren :)))

Die Menschen, die es benutzen? Ich hätte ja gesagt; diejenigen, auf die die Bezeichnung zutrifft. So aber ist das ein ziemlich übergriffiges Verhalten, was ich in den letzten Tagen nur zu häufig erlebte. Nicht-Autisten benutzen Autismus-Begriffe außerhalb des medizinischen Begriffs, um irgendwas anderes zu beschreiben. Vielleicht sogar, um Witze zu machen. Ob das ok ist oder nicht, entscheiden aber sie selbst. Nicht etwa die Autisten. Und wenn, dann spricht EIN Autist für alle anderen. Das hatten wir die Woche dann tatsächlich auch. Aber an dem Tag hatte ich keine Lust zu diskutieren.

Abgesehen davon ändert leider auch eine positive Verwendung nichts daran, dass ein falsches Bild von Autisten entsteht. In diesem Fall möglicherweise eines, das unsere Probleme nicht mehr ernst nimmt.

Ehrlich, ich würde mir von den Menschen etwas mehr Sensibilität für die konkrete Situation der tatsächlichen Autisten wünschen. Aber wie man hier liest, lässt sich genau diese immer wieder vermissen. Was schon irgendwo ironisch ist. Einfühlungsvermögen für die Situation anderer ist doch eine Eigenschaft, die man uns Autisten generell abspricht?

 


Wer hier heute komische Meldungen vom Blog bekommen hat; Tut mir Leid! 🙁 WordPress wollte den einen Screenshot als Beitragsbild nutzen. Da war ich nicht mit einverstanden, weshalb dieser Beitrag gezwungener Maßen ein paarmal on- und offline ging.

Kritik eines Beitrages

Die Tage stolperte ich auf Twitter über folgenden Artikel

https://www.andre-braselmann.de/autismus/

Nur beinhaltet dieser Artikel sehr viele Klischees und Fehler, wie ich auch dem Autor direkt auf Twitter mitteilte. Dort wurde ich dann um eine Kritik auf der Website gebeten. Nun ja, jetzt wird die Kritik aber viel zu ausführlich ausfallen. Denn wenn, dann wird sie auch vollständig. Deshalb gibt das jetzt einen Blogbeitrag, den ich später unter diesem Artikel verlinken werde [sollte das technisch möglich sein].

Kritik eines Beitrages weiterlesen

Gymnasium: Und doch ein Inklusions-Ansatz

Trotz all den Schwierigkeiten, die ich am Gymnasium hatte, muss ich eine Sache hervorheben; Die Art und Weise, in der eine Gruppe von Schülerinnen eingebunden wurde.

Dazu kam es aufgrund einer Initiative meiner damaligen Therapeutin. Ich benannte schon damals das Problem, dass ich mit einigen meiner Lehrern nicht klar käme. Vorne Weg der Lehrer meines Mathe-LKs. Nicht nur, dass diese Lehrer insbesondere meine Probleme nicht verstanden. Ich konnte diese noch nicht einmal verständlich machen. Schon allein das argumentieren, wieso ich ausgerechnet jetzt nicht mehr fähig wäre dem unterricht zu folgen und nach Hause müsste, fiel mir unendlich schwer. Deshalb zog meine Therapeutin ein Konzept heran, dass normalerweise bei Mobbingopfern genutzt werden würde; Es sollte eine Unterstützergruppe aus Mitschülern gebildet werden, die genau dann die Kommunikation mit den Lehrern übernehmen sollten. Natürlich würden diese dann über meine Diagnose aufgeklärt werden.

Die Auswahl dieser Schüler überließ man größtenteils mir selbst. Sonderlich schwer fiel sie mir glücklicherweise nicht. Einige Schülerinnen konnten mehrere Kurse zugleich übernehmen. Zudem gab es diverse ehemalige Mitschülerinnen meines damaligen Freundes, die sich bislang immer sehr verständnisvoll gezeigt hatten. Nur beim besagten Mathe-LK war ich mir nicht sicher.

Es wurde dann ein Treffen mit den von mir genannten Schülerinnen und der Oberstufenkoordinatorin organisiert. Bei diesem Treffen wurden die Schülerinnen vor allem über das Anliegen aufgeklärt und erfuhren auch spätestens zu diesem Zeitpunkt von meiner Diagnose. Es war für sie keine Frage, ob sie helfen wollten. So ziemlich jede hatte meine Verzweiflung schon mehr als einmal direkt mitbekommen und half bereitwillig. Auch für den Mathe-LK fand sich dann mit ihrer Hilfe schnell eine Schülerin. Zwar hatte ich auch hier noch selbst eine benannt, doch wurde die Eignung dieser aufgrund ihrer ruppigen Art von den anderen Schülerinnen in Zweifel gezogen und von ihnen eine andere ausgewählt. Mit dieser hatte ich bislang noch nicht so viel zu tun gehabt, war aber einverstanden.

Natürlich löste dieses Prinzip nicht alle Probleme, und schon gar nicht augenblicklich. Die Renovierungsarbeiten dauerten fort. Genauso wenig konnte jemand etwas gegen den immensen Lerndruck ausrichten. Doch das Wissen, nicht mehr mit eingeschränkter Denkfähigkeit noch mit den Lehrern argumentieren zu müssen, half mir trotzdem zumindest etwas weiter. Zudem war ich erstmals halbwegs sicher sozial integriert. Etwas, das bei der Realschule so nie der Fall gewesen war. Nachmittags blieb ich zwar allein, aber ich brauchte diese Zeit auch schlicht zur Erholung vom Schulalltag.

Und wo sie nur konnte, half mir die Oberstufenkoordinatorin heimlich im Hintergrund. Als meine Englischlehrerin zur 12.2 hin in Mutterschutz ging, landete ich „glücklicher Weise“ im Englischkurs meiner Philosophielehrerin. Eine der Lehrerinnen, mit der ich auch so gut klar kam. Bei ihr musste ich nicht großartig argumentieren, wenn ich in Englisch noch saß, mich dann aber für Philosophie entschuldigte. Auch hätte ich den Sportkurs wechseln dürfen, wenn der Kurs meiner Englischlehrerin denn noch existiert hätte. Das hätte meinen sportlichen Schwerpunkt von Schwimmen auf Tanzen verlagert. Und kurz vor den Abiprüfungen fragte sie mich noch, wo ich denn im Prüfungsraum am liebsten sitzen würde. Siehe da, mein zugewiesener Platz war dann auch in etwa genau da.

Mir ist also nicht jede Hilfe grundsätzlich versagt worden. Aber insgesamt blieb doch ein Gefühl der Feindsehligkeit innerhalb der Schule … und ich war froh, als ich dort endlich weg kam. Und von echter Inklusion war diese Unterstützung natürlich auch weit entfernt …