Was sind wir wert?

Was sind wir Autisten in den Augen mancher Leute eigentlich wert?

Unsere Bezeichnung wird als Schimpfwort missbraucht. Dinge die komisch, sonderlich oder gar abwartig sind, werden mit Autismus in Verbindung gebracht. Ganz gleich, ob es jetzt fragwürdige Entscheidungen von Politikern sind, pupertäres Verhalten Jugendlicher oder schlicht vollkommenes Fehlverhalten mancher Menschen. Man benutzt unsere Diagnose, um diese Dinge zu beschreiben. Man benutzt unsere Bezeichnung, um andere abzuwerten. Wie viel sind wir wert, dass wir für so etwas herhalten müssen? Nichts. Man gesteht uns noch nicht einmal zu, dagegen aufzubegehren.

Wir werden als Argument dafür missbraucht, dass Kinder nicht geimpft werden. Impfungen sollen Autismus auslösen, obwohl die Studie dazu nachweißlich gefälscht war. Was aber zeigt diese Einstellung über die Wertschätzung von Autisten? Autismus muss hier zwingend verhindert werden. Eine schwere Komplikation durch eine Maserninfektion mit  scheint in der Vorstellung weniger schlimm als Autismus. Selbst der Tod des Kindes scheint hier noch immer besser zu sein, als dass das Kind autistisch ist. Wir scheinen es nicht wert zu sein, überhaupt zu existieren. Weshalb sonst würde man unsere Existenz auf einer solch schadenfeiniger Argumentationsbasis verhindern wollen?

Wenn wir dann doch existieren, versucht man uns mit allerlei kuriosen Therapien „normal“ zu machen. Allen voran ABA. Man dressiert uns, damit wir möglichst normal wirken. Damit wir beim ADOS möglichst wenig Punkte erhalten und die Diagnose „verlieren“. Was ignoriert wird ist, was dieses Schauspiel uns kostet. Wenn wir keinen Moment wir selbst sein dürfen. Noch nicht einmal zu Hause. Man ignoriert, welchen Schaden man uns damit zufügt. Autismus ist schlimmer, als es jedes durch ABA verursachte Trauma je sein könnte. Ist es denn wirklich schlimmer, schlicht anders zu sein und manche Dinge anders und vielleicht auch später zu lernen, als andere? Von den ganzen speziellen Diäten möchte ich gar nicht erst anfangen …

Man will uns nicht in den Schulen haben, weil wir den Unterricht massiv stören. Man schließt uns vom Unterricht aus, nachdem man uns in einen Meltdown getrieben hat. Fehlverhalten anderer wird uns zu lasten gelegt. Was sind wir wert, wenn man uns das Recht auf Bildung vorenthält?

Man kritisiert uns, wenn wir unseren eigenen Weg gehen und dann irgendwann doch Probleme bekommen. Weil der eigene Weg doch zu viel Kraft kostet. Wirft uns vor an einen Ort gegangen zu sein, an dem es keine Autismus-spezifische Therapie für Erwachsene gibt. Ist es unsere Schuld, dass man sich da noch immer ausschließlich auf die Kinder konzentriert? Dürfen wir nicht unsere eigene Art zu leben wählen, unabhängig von raren Ressourcen, die es kaum irgendwo gibt? Anscheinend nicht. Wir haben im System zu bleiben, in dem man auf Menschen wie uns Acht gibt. Dass man sich da oft nicht selbst entfalten kann? Tja, geht mit Autismus nun einmal nicht. Pech gehabt.

Was sind wir wert, wenn vieles uns betreffende von den Leuten abhängt, die gerade über unseren Fall entscheiden? Ob wir im Krankenhaus aus medizinischen Gründen ein Einzelzimmer erhalten, oder man uns mit aller Gewalt in ein Mehrbettzimmer steckt? Ob man uns die Reha gewährt, oder und aufgrund der Diagnose direkt als rehaunfähig einstuft? Ob wir einen angemessenen GdB erhalten oder nicht? So viele sind purer Willkür ausgeliefert. Es scheint nicht zu kümmern. Wir sind es nicht wert, dass über uns fair entschieden wird.

Man sagt, wir sollen uns nicht so anstellen. Scheucht uns immer uns immer wieder in Situationen, die ein einziger Kraftakt sind. Wenn nicht sogar unmöglich. Wenn wir es dann geschafft haben, kann ja alles nicht so schlimm gewesen sein. Man ignoriert, wie weit unsere Einschränkungen wirklich gehen. Ignoriert die Umstände, wegen denen wir überhaupt die Diagnose erhalten haben. Wir müssen trotzdem unsere Schwächen ignorieren und einfach funktionieren. Was sind wir wert, dass man so rücksichtslos mit uns umgeht?

Manchmal muss man sich leider wirklich fragen, ob man uns überhaupt als Menschen sieht. Oder ob wir aufgrund unseres Autismus etwas sind, was weniger Wert ist als ein Mensch.

Dabei sind wir genau das. Nicht mehr und nicht weniger. Menschen. Die halt anders sind als die meisten anderes.

Aber sind wir deshalb denn weniger wert?

6 Gedanken zu „Was sind wir wert?

  1. Nein verdammt, wir sind nicht weniger wert.
    Wie oft muss ich mir anhören: Du guckst mich an, du sprichst mit mir, du kannst kein Autist sein. Wie oft musste ich schon aus dem Bus aussteigen, um Leuten mit sogenannten Argumenten wie. „Der wollte nicht mit feiern gehen weil es ihm angeblich schlecht geht. Voll der Autist, Aldaa“ nicht vor Wut aufs Maul zu hauen. Das ich mir das über die letzten zwei Jahrzehnte antrainiert habe, dâs ich permanent aufmerksam sein muss um das Erlernte anzuwenden, wird dadurch abgewertet. Erst diesen Freitag mischte ich mich in so ein Gespräch ein

    „Autisten vertehen das einfach nicht, die sind viel zu blöd dazu.“
    Ich mische mich ein
    „Das bezweifle ich“
    „Doch ist so. Die sind ja nicht mal in der Lage mit anderen zu sprechen“
    „Wie sie sehen, sind Autisten dazu sehr wohl in der Lage“
    „Ach, woher willst denn wissen wozu diese Spinner in der Lage sind“
    „Weil ich einer dieser ‚Spinner‘ bin.“
    Die Frau lachte nur, machte eine eindeutige Wischgeste vor dem Gesicht und stieg aus.

    In solchen Momenten bin ich beinahe soweit, mich für meine Diagnose zu schämen

    1. Und genau DAS ist ein furchtbar dickes Problem!
      Die Leute sind so sehr auf dieses vorurteilbehaftetes Bild versteift, dass sie die Wahrheit noch nicht Mal sehen wollen, wenn sie direkt vor ihnen steht.
      Ich tue hier ja auch mein bestes, daran etwas zu ändern …

  2. Dass man auf einmal weniger wert ist, bekommt man so richtig zu spüren, wenn man erst spät die Diagnose erhält (in meinem mit 40) und dann auf einmal vom Umfeld ganz anders behandelt wird. Vorher also zB in Gesprächen ganz normal in eine Unterhaltung eingebunden war und jetzt bekomme ich alles nochmal extra erklärt, als wäre ich auf einmal blöder als vorher. Das tut echt weh.

    1. Danke für den Kommentar!
      Da ich selbst die Diagnose mit 8 bzw. 25 erhalten habe, hab ich selbst die Erfahrung so direkt nicht machen können/müssen. Aber es fällt schon auf wie sich das Verhalten der Leute ändert, sobald man sich ihnen gegenüber „outet“ :/

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