Autistin stationär: Tag 3 und 4

Wir machen dann Mal ein wenig Krawall, weil Informationschaos im Kopf herrscht

Das erste Mal wurde ich mitten in der Nacht wach. Aus Angst vor der bevorstehenden Narkose. Innerhalb einer haben Stunde schaffte ich es jedoch wieder einfach einzuschlagen und wurde dann wieder gegen halb sieben wach. Eine halbe Stunde kam auch schon die erste Ärztin und maß meinen Blutdruck. Im niedrigen normalen Bereich. So wie immer.

Ich zog dann meine angepasste Morgenroutine durch. Weil ich im Bad keinen Duschvorhang hatte (trotz entsprechender Halterung), war ich mir nicht sicher ob ich überhaupt duschen durfte. Und dass keine Seife da war, irritierte mich immer noch. Vor allem im Krankenhaus wollte ich doch immer brav die Hände waschen, wenn ich auf Toilette ging!

Gegen acht kam eine Dame herein, die ich erst für eine Schwester wegen der Untersuchung hielt. Nein, das war aber die Dame vom Essen. Ich wurde von Optionen für das Essen am Samstag erschlagen. Wäre schön gewesen, hätte ich zum Frühstück meine üblichen Haferflocken haben können. Oder wenigstens Müsli. Aber entweder war das keine Schonkost (auf die ich von den Ärzten gesetzt worden war), oder es gab hier schlicht keines. Jedenfalls bestellte ich dann für das Frühstück zwei Brötchen (eins süß belegt, eines herzhaft), für Mittags Spagetti Bologenese und erhöhte den Käseanteil beim Abendessen. Die Wurst war mir schon am Vortag suspekt gewesen (gegessen habe ich sie zwar, aber so meines ist es nicht). Da wären wir übrigens wieder bei den Routinen, die einfach da sein müssen 😉

Gegen 9 wurde dann alles sehr hektisch. Es kamen kurz hintereinander zwei Schwestern herein. Die eine fragte nochmal, wie es mir ging, die andere wollte mich schon zur Untersuchung holen. Dabei hatte ich noch nicht einmal endgültig geklärt, was ich jetzt überhaupt zur Untersuchung anziehen musste (trug zu dem Zeitpunkt eine Leggins, die als Schlafanzugshose diente, einen Jeansrock und ein hellgrünes T-Shirt). Ich kam mir dann schon reichlich dämlich vor, im Bett zur Untersuchung gefahren zu werden. Immerhin konnte ich sehr wohl noch laufen! Dachte mir dann aber; Ja, jetzt kannst du noch. Nach der Narkose vielleicht nicht mehr so gut … und ließ es einfach über mich ergehen. Witzelte sogar noch mit der Schwester, weil meine Füße sich mit dem Griff am Bettende beschäftigten. Tja, 1,84m große Person in einem Standardbett … ist halt schon ein bisschen knapp 😉

Es wurde dann zunächst nochmal ein normaler Ultraschall gemacht, bei dem ich auch zum ersten Mal selbst die ganzen Steine in der Galle sah. Holla. Auch wenn ich da ein Laie bin sah ich durchaus sofort, dass da absolut was nicht stimmt. Alles voller Steine! Der Gallengang aber hielt sich weiterhin versteckt. Man schob mich also in einen weiteren Bereich, und ließ mich da erst Mal warten.

Das Handy lag oben auf meinem Zimmer, sicher eingeschlossen im Schrank. Ständig liefen Ärzte über den Flur, aus Zimmern kamen diverse Geräusche von irgendwelchen Geräten. Langsam aber sicher driftete ich in Richtung Overload. Ich versuchte dagegen zu arbeiten, indem ich mich zur Wand drehte, die Decke über den Kopf zog und versuchte abzuschalten. Damit der Overload, wenn möglich, eher zu einem Shut- als zu einem Meltdown wird. Zwischendurch erschreckte ich furchtbar, als man mit einem anderen Bett gegen meines stieß. Den Ärzten muss das wohl komisch vorgekommen sein, weil darauf hörte ich öfters „Nicht erschrecken!“.

Gegen 10.40 holte man mich dann in den Untersuchungsraum. Man legte mir einen Wäscheschutz an, wies mich an mich auf die linke Seite zu drehen und legte mir ein Mundstück und einen Atemschlauch an. All das noch bei vollem Bewusstsein. Ich bekam schon langsam Angst dass man vergessen hatte, dass ich wegen meiner Autismus-Diagnose definitiv schlafen sollte. Dann wurde aber gesagt, dass ich jetzt die Spritze zum Schlafen bekäme. Ich sah auch noch, wie man mir irgendein bräunliches Zeug in den Zugang rechts spritzte. Fragte mich, wann die Wirkung wohl einsetzten würde. Ein komisches Gefühl im Mund …

Als nächstes sah ich eine andere Decke. Mit Schienen für Gardinen. Ich war definitiv in einem anderen Raum.
– „Moment! Ich bin hier aber wo anders!“
– „Sie sind hier im Aufwachraum.“
Ich wunderte mich, wie klar mein Kopf war. Hatten die Ärzte nicht vorhin noch was gesagt ich würde später fragen, ob ich schon dran gewesen wäre? Bis zum Zeitpunkt der Spritze war definitiv alles da. Ich wusste, dass ich dran gewesen war. Wieso lag ich jetzt aber auf der rechten Seite? Und wieso tat meine Unterlippe so weh? Ich machte mir etwas Sorgen, dass es Probleme mit meiner Atmung gegeben hatte und man mich hatte Inkubieren müssen. Die Schwester konnte mir jedoch die Frage, ob ich während der Untersuchung was angestellt hätte, nicht beantworten. Im Aufwachraum blieb ich dann nicht allzu lange. Auch wenn der Overload durch den Schlaf mittlerweile verflogen und ich wieder auf meinem „Grundlevel“ war. Nur etwas verschlafen war ich noch. Deshalb ging ich auch nicht auf die Witzeleien des Pflegers ein, der mich zurück auf Station brachte.

Da war es 12.40. Essen gab es dann erst gegen 14 Uhr, weil die Ergebnisse der Untersuchung noch ein wenig auf sich warten ließen. Vorher versuchte ich meinen Wasservorrat aufzufüllen. Bei einem Gang auf Toilette war mir doch nicht ganz wohl gewesen, weshalb ich lieber die Schwester rief, als ich eine neue Flasche Wasser benötigte. War dann aber auch überhaupt kein Thema. Nach dem Essen ging es mir jedoch auch schnell deutlich besser. Ich blieb trotzdem im Bett liegen und sah ein wenig fern. Nach Schlafen war mir zwar nicht, aber ich wollte einfach was Ruhe haben.

Erst gegen 17 Uhr wuselte dann die Ärztin mit dem fremdländischen Akzent hinein, die ich schon am Vortag öfters gesehen hatte. Die Untersuchung sei komplett unauffällig gewesen, definitiv keine Steine im Gallengang, man könne mir nicht mehr helfen und würde deshalb morgen entlassen werden. Ich sei ja kein Notfall. Im Arztbrief würde dann stehen, wie ich den Termin für die OP zu machen hätte.

Wie jetzt? Man warf mich einfach mit dieser Anweisung wieder raus? Zwar nickte ich fleißig ab, was die Ärztin mir sagte. Doch innerlich geriet ich in einen Schock. Was sollte das heißen? Wollte man mich auf Wochen und Monate mit dem Risiko leben lassen, jederzeit furchtbare Schmerzen bekommen zu können? Einfach, weil meine Blutwerte noch keinen Alarm schlugen? In der Notaufnahme hatte es doch geheißen, wenn keine Steine im Gang sind, würde sofort operiert. Wieso schickte man mich jetzt einfach nach Hause und schob mir wieder die Organisation zu? War es ihnen denn nicht bewusst, dass ich mit meinem Autismus wahnsinnige Probleme damit habe, Arzttermine zu organisieren? Ich war wieder an dem Punkt, wo ich absolut verzweifelte. Obwohl ich die Diagnose hatte und sie bekannt gab, es gab einfach immer und immer wieder Probleme. Unnötige. Entsprechend heulte und schrie ich irgendwann.

So. Und an der Stelle muss ich trotzdem das Personal einmal mehr loben. Dass ich in eine Krise und einen Meltdown geriet, was sicherlich ein vermeidbarer Kommunikationsfehler. Nur einer von der Art, wie er Leuten im Umgang mit Autisten leider häufig passiert. Aber anstatt wie in der Uniklinik meinen Zustand zu ignorieren und mir einfach ein Beruhigungsmittel aufzudrücken unter der Androhung weiterer Maßnahmen, wenn ich nicht kooperiere, nahm sich ein Pfleger die Zeit sich meine Probleme anzuhören. Damit wurde dann der Kommunikationsfehler auch aufgedeckt und ich konnte meine wirren Gedanken wieder gerade rücken. Gleich darauf fühlte ich mich schon einfach nur elendig, weil ich es einfach nicht richtig verstanden hatte und übertrieben reagiert hatte. Auch wenn ich auf der anderen Seite sehr genau wusste, dass genau eine der Eigenschaften ist, wieso man ich als autistisch bezeichnet.

Ich ging eine Weile raus, um einfach Mal in eine andere Umgebung zu kommen. Das Wetter war sehr angenehm an dem Tag. Und eine Bekannte von Twitter wollte mir noch die sehnlichst vermisste Seife vorbei bringen. Wir verpassten uns dann leider, fanden uns aber noch oben auf der Station.

Am Abend wurde nach einer Dusche von mir dann auch endlich der Zugang auf der linken Seite entfernt, nachdem ich mich über einen Juckreiz beklagte. Der Zugang rechts blieb noch bis zum nächsten Morgen. Den Abend verbrachte ich dann still auf meinem Zimmer und sah eine Serie auf Netflix, die ich mir für den Aufenthalt aufs Tablet geladen hatte.

Am nächsten Tag packte ich schon früh meine Tasche. Ich war wieder kurz nach sechs wach geworden. Die Ärztin kam dann erst, als meine Tasche fast schon gepackt war, irgendwann gegen acht. Meine Unterlagen seien fertig, ich könnte hier noch frühstücken und dann sollte ich sie abholen. Gesagt, getan. Wenigstens einmal wollte ich den Morgen hier nicht mit leerem Magen verbringen. Allerdings wurde mir bewusst, dass das Frühstück doch üppiger war, als gedacht. Das nächste Mal also nur noch ein Brötchen bestellen, nicht mehr die von zu Hause gewohnten zwei.

Das nächste Mal? Ja, wie gesagt. Ich mag jetzt wieder zu Hause sein. Nach dem Frühstück ging ich dann wirklich direkt zum Schwesterbereich, wo man mir den Arztbrief und ein paar Medikamente gab, und verließ dann das Krankenhaus. Nach Hause fuhr ich mit dem Bus; Von einem Transportschein war an diesem Morgen interessanter Weise nicht mehr die Rede. Aber; Die Gallenblase muss noch immer raus. Am Montag wird meine Mutter bei der Klinik nachfragen, aus der ich heute entlassen wurde. Meine Tante aber zeitgleich auch in der Klinik, in der sie seit über 2 Jahrzehnten als Krankenschwester tätig ist. Wenn ich schon operiert werden muss und jetzt nochmal planen kann, will ich doch den Versuch starten nochmal in die Nähe meiner Familie zu kommen. Vor allem, wenn die OP tatsächlich nicht minimalinvasiv sein kann und ich somit einen „großen“ Bauchschnitt habe. Mit entsprechend längeren Ausfalls- und Erholungszeiten. Und vor allem bei Kommunikationspannen wie der gestrigen wäre es hilfreich gewesen ein Familienmitglied dabei zu haben, was für mich hätte übersetzten und auch direkt die Ärztin mit Fragen hätte Löchern können. So im Gegensatz zu mir.

Was mein Nicht-Freund wohl dazu sagen wird, wenn ich dann eine deutliche Narbe am Bauch habe? Sicherlich nichts. Der macht sich schon die ganze Zeit Sorgen um mich. Merke ich sehr deutlich daran, dass er regelmäßig per SMS nach mir fragt 🙂

Fortsetzung folgt dann demnächst …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.