Schwarzes Loch

Ausnahmsweise möchte ich zu Beginn meines Textes eine ausdrückliche Warnung aussprechen. Ich werde hier von meinen Depressionen berichten. Von daher wird dieser Text für den ein oder anderen eventuell belastend sein. Ich selbst kann das nicht immer einschätzen, welche Wirkung meine Texte tatsächlich haben. Wenn ihr glaubt, dass ihr eine weitgehend unverhüllte Darstellung nicht verkraftet; Dann hört an dieser Stelle bitte auf zu lesen. Ich möchte hiermit niemanden Schaden zufügen. Doch es sind Dinge, die einfach Mal gesagt werden müssen.


Wie schon erwähnt, nahm der Druck während der Oberstufe immer weiter zu. Ich kam mit vielen Lehrern nicht mehr länger klar und kämpfte quasi ständig gegen den ewigen Baulärm in der Schule. Zwischenzeitlich hatte ich vor diesem selbst zu Hause keine Ruhe, weil über Wochen die Nachbarwohnung ebenfalls renoviert wurde. Zudem geriet ich immer öfters mit dem Freund meiner Mutter aneinander. Kurz gesagt; Ich stand unter immensen Stress. Ohne zu wissen, woher meine Probleme kamen.

Irgendwann war ich am Ende meiner Kräfte. Ich wusste einfach nicht mehr, wie ich die Oberstufe zu Ende bringen sollte. Meine Noten wurden immer schlechter. Einzig und allein in Biologie konnte ich mich halten. Doch Biologie allein würde mir natürlich das Abitur nicht retten.

Ich bekam Angst. Angst, die Oberstufe nicht zu packen. Dass sich die Lehrer von der Realschule getäuscht hätten als sie mir sagten, dass ich das Abitur sicherlich packen würde. Die Schule wurde einmal mehr zur Bedrohung. Jedoch nicht in derselben Form, wie es an der Realschule war. Dieses Mal waren es nicht die Zeiten zwischen dem Unterricht, sondern der Unterricht selbst. Ich versuchte den Anforderungen gerecht zu werden, schaffte es aber nicht. Einmal wurde mir in Englisch gesagt, dass meine mündliche Mitarbeit für eine vernünftige Note zu schlecht wäre. In der nächsten Stunde versuchte ich mich zu melden, und wurde nicht dran genommen. Quantität und Qualität. Wie aber sollte ich Qualität beweisen, wenn ich nicht dran genommen wurde? In der Pause darauf brach ich zusammen. Ich wusste nicht, wie ich weiter machen sollte. Alles schien unmöglich. Alles.

Nachts konnte ich nach einer Weile kaum noch schlafen. Regelmäßig bekam ich Albträume von der Schule. Ich wachte nachts auf und war fix und alle. Irgendwann bekam ich regelrechte Angst, überhaupt Schlafen zu gehen. Ich versuchte so lange wach zu bleiben, wie es nur irgendwie ging. Was sich natürlich negativ auf meine restlichen Leistungen auswirkte. Ich brauche nicht grundlos wenigstens 8 Stunden Schlaf …

Irgendwann ging ich nur noch in die Schule, weil ich es musste.
Ich machte meine Hausaufgaben, weil ich es musste.
Aß, schlief, weil ich es musste.
In den Pausen hielt ich meine Hand an die Heizung, weil es weh tat.
Im Sportunterricht blieb ich mit Absicht länger unter Wasser.
Gefühle waren kaum noch vorhanden. Nur noch Verzweiflung, Wut und Trauer. Mehr konnte ich schlicht nicht mehr empfinden.

Was war passiert?

Ich hatte in der Folge des ständigen Drucks eine Depression entwickelt. Später sollte es heißen, eine „leichte“. Aber ich weiß ehrlich nicht, ob ich dem zustimmen kann.

Wieso? Ganz einfach. Äußerlich schien ich zwar immer noch weitermachen zu können. Innerlich aber schrie in mir irgendwann alles nur noch danach, dass es aufhört. Ich sah keinen Weg mehr, das Abitur zu bestehen. Selbst wenn, ich hatte keinen Plan für die Zeit danach. Doch vielleicht hätte mir das gar nicht Mal geholfen. Mir fehlte die Kraft, irgendwie weiter zu machen. Dass ich es trotzdem tat, war eher aus der Notwendigkeit heraus. Aus dem Alltagstrott, den Routinen. Der Kontrollierbarkeit der Situation. Obwohl ich immer eine furchtbare Angst davor gehabt hatte (und auch immer noch habe), erschien der Tod mit einem Mal furchtbar verlockend. Der gefühlt einzige, der mich irgendwie noch im Leben hielt, was mein damaliger Freund. Doch wie lange würde er mich halten können? Ich verstand nicht, wieso ich einfach nicht dasselbe leisten konnte wie die anderen. Wieso der Lärm in der Schule mich schreien ließ. Es kam mir vor, als wäre ich zu nichts fähig. Noch nicht Mal zu Mathe, wo ich doch früher Klassenbeste gewesen war.

Ehrlich, ich hatte Glück. Glück irgendwann selbst laut und deutlich zu sagen zu können, dass es so nicht weiter gehen kann und ich Hilfe brauche. Glück damals einen Hausarzt zu haben, der gar nicht lange fackelte und mich zu einer psychologischen Beratungsstelle überwies. Glück, dass es dort keine lange Wartezeit gab. Glück, dass es mit der über Jahre verheimlichten Autismus-Diagnose schlagartig eine Erklärung für viele meiner Probleme gab, die mir so sehr zusetzten. Glück, dass meine Mutter mir Nachhilfestunden in Mathe bezahlen konnte (vom Lernstoff hätte ich sie wohl nicht gebraucht, aber sie bauten mich psychisch wieder auf).

Als ich eines Abends von der Nachhilfe nach Hause ging, kam dann auch der Wendepunkt. Es war Winter und um 8 Uhr abends somit schon stockfinster. Ich lief alleine durch die Straßen der Stadt und es begann zu schneien. Die Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen und blieben auf dem kalten, grauen Boden liegen. Es war ein derart schöner Anblick, dass ich mit einem Mal nur noch eines dachte: Eigentlich will ich doch leben. Tot würde ich so etwas nicht sehen können.

Irgendwann, ich weiß nicht mehr wann, ging es langsam wieder bergauf. Die Prüfungsängste blieben zwar bis zum Schluss (für die Probleklausur in Geschichte musste mich der Hausarzt krank schreiben, weil ich am Morgen der Klausur eine Panikattacke bekam), doch die Depressionen traten deutlich in den Hintergrund. Bis ich sie fast nicht mehr wahrnahm.

Ich rede absichtlich von davon, dass sie geheilt gewesen wären. Als mich mein Freund 8 Monate nach Beginn meines Studiums verließ, rutschte ich beinahe augenblicklich wieder in eine depressive Phase. Ich wollte mit niemanden mehr sprechen, legte auch teilweise mitten im Gespräch auf. Verhaltensweisen, die ich auch während der letzten Depression gezeigt hatte. Damals war es das gut laufende Studium und einige Freunde, die mich ein wenig auffingen. Ganz verhindern konnten sie die Phase aber auch nicht. Wie auch, wenn der gesamte Lebensplan mit einem Schlag in Trümmern liegt?

Es sollte auch weiterhin immer wieder Phasen geben, in denen ich mehr oder weniger depressiv war. Kurze Momente, in denen auch Selbstmordgedanken wieder an die Oberfläche brechen [aber ich aktuell bin viel zu kämpferisch, um den auch nur irgendwie nachzugeben!]. In denen ich sehr viel schneller in selbstverletzendes Verhalten verfalle. In der Autismus-Diagnostik letztes Jahr wurde auch der Verdacht einer depressiven Störung gestellt. Es überraschte mich nicht. Tatsächlich hatte ich schon lange vorher wieder gesagt, dass ich wieder in Behandlung müsste. Weil ich die Dämonen schon längst wieder bemerkt hatte. Weil ich mich selbst beobachtete und sah, wie ich diesem schwarzen Loch doch wieder langsam näher kam.

Nur, was soll ich sagen? Die Verdachtsdiagnose steht seit Oktober. Einen ambulanten Termin hatte ich im Februar. Man setzte mich auf Medikamente und seitdem … warte ich. Kein akuter Handlungsbedarf, weil ich nicht suizidal bin. Ich warte und warte. Ohne zu wissen, wie lange ich überhaupt warten soll. Oder ob der Therapeut überhaupt bereit ist, eine möglicherweise depressive Autistin zu behandeln.

Ehrlich, ich sehe da einen verdammten Fehler im System. Selbst wenn man als Depressiver selbst sagt „Ich brauche Hilfe!“; So lange man nicht suizidal ist, gibt es diese nicht sofort. Es wird gewartet, bis es fast zu spät ist, bevor sofort etwas getan wird. Dabei könnte man sicherlich viel eher helfen, wenn man früher ansetzt. Aber da gibt es Wartelisten. Über Monate. Weil es nicht genügend Fachkräfte gibt. Ein Unding in einer Gesellschaft, in der aufgrund von Fehlentwicklungen immer mehr psychisch kranke Menschen gibt.

Noch dazu kommt natürlich die gesellschaftliche Ächtung, die einem immer noch begegnet. Es fühlt sich so an als wäre es vollkommen egal, wie oft man versucht das Thema Depressionen begreiflich zu machen. Es kommen dann doch sehr schnell wieder blöde Sätze, die einen dann doch wünschen lassen, man hätte nichts gesagt.

Aber genau deshalb schreibe ich es doch. Weil es für mich keinen Grund gibt ein Geheimnis daraus zu machen, wie dreckig es mir in meinem Leben schon einmal ging. Wie nah ich dem Tod schon einmal war, ohne dass der Körper schaden genommen hatte. Es war nur meine Psyche, die kaputt war. Und das ist mindestens genauso ernst wie jede schwere körperliche Erkrankung. Und es hätte am besten schon gestern geschehen sollen, dass die Gesellschaft das endlich einmal begreift!


Übrigens ist es mir auch nicht gerade leicht gefallen, diesen Text zu schreiben. Ich habe an mehreren Stellen heulen müssen, weil davon zu schreiben den Schmerz wieder hervorbrechen lässt. Wenn ich heute auf diese Zeit zurück blicke, denke ich nur eines; Wieso musste es überhaupt sein, dass es mir damals so dreckig ging? Und dass ich auf keinen Fall an diesen Punkt zurück will, an dem mir mein eigenes Leben egal ist. Ich will hier bleiben. Ich habe in dieser Welt noch so einiges zu tun!


Dass dieser Beitrag ausgerechnet jetzt online geht, hat tatsächlich mit dem Tod von Chester Bennington, dem Leadsänger von Linkin Park, zu tun. In der Hoffnung, dass vielleicht im Moment mehr Menschen zuhören. Depressionen sind nichts harmloses. Eigentlich will ich seinen Tod auch gar nicht derartig ausnutzen. Ich bin selbst ein großer Fan von Linkin Park und war von der Meldung ziemlich getroffen. Es ist verdammt bitter wenn gerade die Stimme verloren geht, die einem durch so viele Overloads geholfen hat. Aber wenn man wenigstens jetzt tatsächlich die Leute für das Thema sensibilisieren könnte, dann wäre sein Tod wenigstens nicht umsonst gewesen. Und ich sehe ihn selbst zum Teil als Opfer eines immer währenden Schemas; Erst große Bestürzung über den Suizid eines Prominenten, und dann werden Depressionen wieder verharmlost. Das muss endlich aufhören!

3 Gedanken zu „Schwarzes Loch

  1. So, ich wollte mich zu Wort melden. Musste es erstmal alles sacken lassen, weil es mir in letzter Zeit auch nicht so sonderlich gut geht.

    Ich finde es gut, wenn du die Thematik so offen ansprichst. Auch wenn es schwer ist, so offen drüber zu reden/schreiben. Ich denke so Beiträge geben den Lesern, welcher selbst solche Probleme haben, das Gefühl nicht allein zu sein. Einigen hilft es, wenn sie sehen, dass sie nicht alleine mit dem Problem kämpfen. Und es kann auch anspornen, wenn andere den Weg schaffen

    Ich finde es Schade, dass dein Hausarzt dich damals zwar weiter vermittelt hat, es aber nicht zu einer Therapie für die Depression kam (zumindest lese ich das so). Weil die Skills die du lernst, dich in letzter Zeit hätten ein bisschen abfangen können. Womit ich aber nicht meine, dass es eine aktuelle Therapie überflüssig gemacht hätte. Weil ich denke, auch wenn du gerade keine ‚Depressive Phase‘ hättest, tät dir eine Therapie gut, weil es durch die Krankheitsfälle in deiner Familie und alles was sich ringsum noch angesammelt hat, einfach eine große Belastung angestaut hat. Belastung nicht negativ gemeint. Du trägst einfach viel mit dir rum, was dich beschäftigt.
    Und ich hab ‚depressive Phase‘ geschrieben, weil ich hoffe, dass es noch nicht chronisch geworden ist und nicht weil ich es runterspielen will. Und ich drück dir mehr als die Daumen, dass du bald endlich einen Therapieplatz bekommst.

    Ich merke auch grad, dass es mir schlechter geht von Tag zu Tag. Aber mit dem Wissen, dass die Krankenkasse eh keine Therapie in der nächsten Zeit (Jahren?) bewilligt, kann ich nicht viel machen. Außer hoffen, dass ich es von alleine hinbekomme. Und vielleicht, dass sie die Ergotherapie außerhalb des Regelfalls weiter bewilligen, damit sie mich da wenigstens etwas abfangen können

  2. Ich wollte mich mal so zu Wort melden und nicht immer nur über Twitter. Das mich deine Einträge positiv berühren, weil ich so viel aus meinem Leben wiedererkenne (Habe inzwischen leichte Nackenschmerzen, weil ich immer wieder wissend nicke). In dem hier habe ich aber noch mehr als sonst erkannt. Was wohl vor allem daran liegt, dass die Kälte (so nenne ich meine Depression) wieder da ist. Und zwar in einem ganz anderen Schema als all die Jahre zuvor. Früher war alles schön überschaubar; Anfang Juli geht es los, es folgt ein tiefer Absturz, vorher werden die Messer in Verwahrung gegeben, Urlaub wird genommen, und ca mitte Juli ist alles wieder okay. Dieses Jahr ist es anders. Sie setzte früher ein, Mitte Juni, und der Absturz war nicht ganz so tief. Dafür kamen mehrere, in unregelmäßigen Intervallen. Wüsste ich es nicht besser würde ich sagen, dass die Depression sich an meine Verteidigungsmechanismen angepasst hat. Ich musste für dieses Jahr spontan neue Techniken entwickeln. Und wie ich sagen würde wenn ich Gollum wäre: „Wir hassen die garstige Spontanität…aber wir sollen sie lernen…wir mögen sie aber nicht, nein.“ Jedenfalls…ich war noch nie so für meine gelegentliche Entscheidungsschwäche dankbar. Und auch wenn Dauerzocken und Überfressung (damit die Gedanken nicht wieder in der Spirale landen) nicht die gesündesten Methoden sind….besser als die alternative.

    So, mein Kommentar ist dezent ausgeartet (ich wollte höchstens nen Dreizeiler machen :O) , daher schließe ich das mal. Danke dass du deine Gedankenwelt und Welt im allgemeinen so offen mit uns teilst. Das schaffen nicht viele Autisten. Ich könnte das nicht. Naja..tschüss dann^^
    Doc

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