Und dann war der Kampf umsonst …

Auf Twitter hat man es schon mitbekommen; Ich bin gestern aufgrund starker und sich immer weiter verschlechternder Bauchschmerzen in die Notaufnahme der hiesigen Uniklinik gefahren. Nicht zuletzt, um den furchtbaren Verdacht auszuräumen, dass es wieder der Blinddarm sein könnte. Der hatte sich schon Mal bemerkbar gemacht, hatte aber nach strenger Diät wieder Ruhe gegeben und ist somit nach wie vor drin.

Zurück zu gestern. Es ging schon direkt bei der Anmeldung die erste Sache schief. Ich hatte wegen immer schlimmer werdenden Schmerzen nicht mehr auf eine schnell herbeigeeilte Freundin gewartet. An der Anmeldung der Notaufnahme schickte man mich augenblicklich wieder nach draußen, sollte da warten. Nun stand ich dort und verstand das System nicht. Woher sollte ich wissen, wann ich zur Anmeldung vor konnte? Oder der Patient vor mir mit der Anmeldung fertig sein würde. Es kam, oh Wunder, zum ersten Overload. Was andere Patienten bemerkten und die Ärzte informierten. Augenblicklich hatte ich drei Mediziner um mich herum wuseln und war nur noch mehr überfordert, schrie auch kurz. Dann bekam ich zum Glück noch die Kurve und wurde quasi sofort in das Zimmer verfrachtet, was ich die nächsten sechs Stunden kaum noch verlassen sollte …

Blutabnahme, Anschluss an allerlei Gerätschaften (Blutdruck, EKG, Sauerstoffsättigung?). Der nächste Fehler war, dass ich versuchte meiner Freundin eine SMS zu schreiben. Ich wurde angeschnauzt, das Handy sofort zur Seite zu legen. Ohne dass ich erklären durfte, wofür ich das gerade bräuchte. In dem war natürlich die Haupt-Abwehr ebenfalls weg. Meine wunderbaren NC-Kopfhörer waren in der Tasche. Aber jetzt traute ich mich gar nicht mehr zu fragen, ob ich sie benutzen durfte.

Der nächste Schock war, dass meine extreme Pflasterallergie einfach ignoriert wurde, als man eine Flexüle befestigen wollte. Ich sagte deutlich, dass ich selbst gegen manche antiallergischen Pflaster reagieren würde. „Ja, womit soll ich das denn sonst befestigen.“ Mit einem Verband vielleicht? … ich hatte in dem schon kaum noch Kraft zu kämpfen. Meinen Allergiepass hätte ich dabei gehabt. Extra noch mit eingepackt. Den hat sie nie jemand angeschaut …

Arzt Nummer 1 kam innerhalb der ersten Stunde nach der Aufnahme. Allgemeine Anmanese, jetzt Warten auf die Laborergebnisse und Gynäkologen sowie Chirurg hinzuziehen. Die Zeit lief weiter. Ich hatte mir auch schlicht den falschen Tag ausgesucht. Mit der durch die Mitpatienten ständig aufgehaltenen Türe (sie wurde mehrmals darum gebeten, diese geschlossen zu lassen) bekam ich mit, dass wenigstens ein Patient reanimiert werden musste („Alle weg!“ ist ja klar …). Ich lag zwei Stunden, drei Stunden da, ohne das irgendetwas passierte. Dann kam ich irgendwann zum Röntgen. Wieder passierte lange nichts. Nach vier Stunden kam noch einmal der Arzt. Laborbefunde seien alle unauffällig, das Röntgenbild soweit auch, bis auf eine erhöhte Stuhlmenge. Gynäkologin, Chirurgen … die Gynäkologin kam dann auch gleich. Bei ihr im Untersuchungsraum begann ich dann abzuschalten. Augenkontakt weg. Motorische Fähigkeiten mangelhaft. Dass ich auf den Weg zurück in meinen Raum sehr orientierungslos wirkte, ignorierte man ebenso. Man erklärte mir den Weg zurück, und sonst nichts. Dabei waren das schon gefährliche Anzeichen …

Für ein paar Minuten war ich dann allein im Zimmer. Die andere Patientin hatte man derweil auf Station gebracht. Kurz darauf kam die neue Patientin rein. Auch bei ihr, volles Programm. Wenigstens drei Schwestern wuselten um sie herum, dann kam ein Arzt nach dem anderen und fragte sie zu ihrer Geschichte aus. Mir wurde das zu viel. Ich sagte den Schwestern, dass meine Bauchschmerzen war o.k. wären, aber jetzt ein psychisches Problem dazu käme. Plötzlich standen alle um mich herum. Fragten mich aus, was denn los sei. Ich sollte doch sprechen. Nur konnte ich nur noch mit ein paar Stichworten um mich werfen.
„Ich hab einen verkackten Overload!“ – „Ja, was ist denn ein verkackter Overload?“

„Ein Overload ist also, wenn Sie hier herumschreien.“
„Nein, das ist ein Meltdown!“
Ich habe wenigstens einmal, eher zweimal gesagt, dass es die Geräusche sind, die ich nicht mehr länger ertragen konnte. Man sagte mir, ich sollte Geduld haben und das man nichts tun könnte.
„Das hat nichts mit Geduld zu tun!“
Nur abfällige Blicke. Dass mein Blutdruck zunehmend in die Höhe schnellte, wurde wohl meiner Aufgebrachtheit zugeschrieben (ich habe irgendwo eine 171 gesehen …). Weil ich zunehmend unruhig wurde, klappte man die Seitengitter meines Bettes hoch. Ansonsten ignorierte man mich weiter. Ich hatte inzwischen schon ein paar Mal mit den Fäusten gegen meinen Kopf geschlagen. Kurzzeitig ignorierte ich das Handyverbot und schickte eine verzweifelte SMS an meine Mutter.

Es wurde förmlich von Minute zu Minute schlimmer, nach gut sechs Stunden Aufenthalt in der Notaufnahme. Weil ich falsch lag, bekam das EKG nicht mehr alle Werte. Irgendwann schlug ich wieder mit Fäusten gegen den Kopf und presste anschließend die Hände gegen die Ohren. Ich kämpfte immer noch dagegen, nicht wie verrückt zu schreien. Irgendwer kam an und berührte mich am Arm.
„Nicht anfassen!“
Mal wenigstens EINE Sache, die befolgt wurde. Dann tauchte plötzlich der Arzt auf. Ich weiß nicht, was er gesagt hat. Ich konnte es nicht hören. Versuchte nur in knappen Worten meine Situation zu schildern. Mittlerweile unter Tränen. Was ich nicht wusste war, dass mein Bruder zwischenzeitig angerufen und meinen aktuellen Zustand erklärt hatte. Der Arzt brachte mich nämlich kurz darauf in ein anderes Zimmer, wo es ruhiger war. Innerhalb von gut 20 Minuten war ich wieder ruhig und halbwegs stabil. Und fragte mich sehr schnell, ob ich versehentlich irgendwas kaputt gemacht hätte …

Man ließ mich allein. Eine Stunde. Zwei Stunden. Zwischen drin kletterte ich aus dem Bett und fragte an der Tür nach etwas zu trinken. Ich erhielt einen kleinen Becher Wasser. Wieder warten. Mittlerweile ahnte ich, dass es allein an der Chirurgie hing, dass ich noch immer da war. Von meinem Bruder wusste ich, dass alles auf eine Entlassung hin steuerte. Also fragte ich wieder auf dem Flur nach. Der Chirurg sei in einer OP. Da wüsste niemand, wie lange das dauerte. … sagte man mir, während ich mit meiner Funktionsfähigkeit kämpfte. Nach einem überwundenen Meltdown folgt bei mir immer eine Phase extremer Erschöpfung oder sogar ein richtiger Shutdown. Ich versuchte mein Problem mit der Situation zu verdeutlichen. Dass ich nicht wüsste, ob ich später noch nach Hause kommen könnte. Es wurde klein geredet. Irgendwann kam der Arzt nochmal vorbei und stellte mich vor die Wahl, entweder da zu bleiben oder gegen den ärztlichen Rat zu gehen. Nur fühlte ich mich in dieser Notaufnahme schon längst nicht mehr sicher, wo man mich in mein Zimmer zurück wies, wenn ich die einzige Kontaktmöglichkeit nutzen wollte, die ich hatte. Es gab zwar einen komischen Schalter, aber durfte ich den überhaupt benutzen? Es hatte keine Erklärung gegeben.

In dem kam der zweite Zusammenbruch. Ich fühlte mich schon aufgrund des Meltdowns furchtbar elendig und schuldig. Jetzt war es pure Verzweiflung. Meine Diagnose war bekannt. Aber anstatt mir Mal zuzuhören und mich mit meine psychischen Problemen ernst zunehmen, wurden sie klein geredet und ich ignoriert, womit man einen weiteren Meltdown triggerte. Als ich das offen sagte, wurde es ebenso ignoriert. In dem kam der Chirurg und erlebte mich komplett verheult. Woraufhin noch Mal der andere Arzt mit einer Psychiaterin kam. Sie aber „zwang“ mich förmlich eine Beruhigungstablette zu nehmen. Anstatt die Ursache für meinen Zustand in Angriff zu nehmen. Hätte ja mehr Aufwand gekostet.

Irgendwann kam der Chirurg dann wieder und dann durfte ich endlich, nach 10 Stunden, nach Hause gehen. Wahrscheinlich hat der Dauerstress der vergangenen Wochen und Monate mein Verdauungssystem mittlerweile derart durcheinander gebracht, dass es übervoll ist. Dadurch die Schmerzen, die übrigens immer noch andauern.

Ich frage mich nur ehrlich, wieso so etwas überhaupt passieren muss? Wenn der Patient schon offen seinen Autismus angibt (was ich zwar nicht sofort, aber später getan habe), wieso nimmt man dann nicht auf die besonderen Bedürfnisse wenigstens etwas Rücksicht? Klar, gibt das medizinische System nicht her. Autismus ist ja auch kein Grund für ein Einzelzimmer. In meinem Fall machte aber diese Ignoranz alles nur noch schlimmer. Ich war kurz davor Krawall zu schlagen, dass deren Verhalten mich hier absolut gefährden würde und ich deshalb augenblicklich nach Hause wollte. „Gegen ärztlichen Rat“ hätte ich mir in dem auch nicht mehr bieten lassen.

Eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen dass ich die einzige Autistin bin, die derartige Erfahrungen hat machen müssen. Im Moment bin ich ehrlich gesagt nur verzweifelt, weil die jahrelang erkämpfte Diagnose plötzlich nicht mehr das Papier wert war, auf dem sie steht. Was bringt eine Diagnose, wenn man sie im Zweifelsfall vollständig ignoriert, obwohl gerade SIE das akute Problem ist? Wo ist da der Sinn hinter?

Ich weiß nicht, ob ich nach den Erlebnissen überhaupt nochmal in ein Krankenhaus gehen kann … und ich muss immer noch darauf acht geben, ob ich nicht noch auf die Pflaster allergisch reagieren werde.

… und ich schäme mich noch immer für alles, was da passiert ist. Fast zu sehr, um hier davon überhaupt zu berichten …

 

2 Gedanken zu „Und dann war der Kampf umsonst …

  1. Deinen Eintrag zu lesen macht mich wütend. Weniger auf das System, sondern auf die Menschen, die stur dem System folgen und nicht über den Tellerrand schauen. Sie machen nur ihren Job. Aber kein Stück mehr.
    Was Dir passiert ist, das hätte nicht passieren dürfen. Die erste haben einen Eid geleistet den Patienten zu helfen, nicht das zu tun, was das System meint, was am besten für die Menschen ist.

    Schäme Dich nicht – das ist einfach gesagt. Ich tue es trotzdem, denn es gibt nichts zu schämen. Sie haben die Situation heraufbeschworen indem sie nicht zuhörten.

    Mache Dich nicht zum Opfer, schäme Dich nicht. Erzähle die Geschichte überall, schweigen spielt dem System in die Hände.

    Und das wichtigste: Gute Besserung 🙂

  2. Als erstes gute Besserung! Ich drück die Daumen, dass es bald besser wird. Wenn wir irgendwie helfen können, geb bescheid, wir schauen wie wir es hinbekommen. Versuch einfach so viel wie möglich abzugeben, auch wenn es dir vielleicht doof vorkommt. Das hat auch nichts mit unselbstständigkeit zu tun, wenn du eine Zeit lang Aufgaben abgibst. Es geht ja drum Stress zu minimieren, dass es dir besser geht. Kannst du den Termin in der PIA nach vorn verlegen lassen? Jetzt hast du ja noch den Zettel von der Notaufnahme, der zeigt, dass du Hilfe brauchst, vielleicht lässt sie sich endlich drauf ein. Ich drück die Daumen.
    Ich bin auf jedenfall erleichtert, dass du nicht operiert werden musstest! Wobei, wenn es was gewesen wäre, was hätte operiert werden müssen, wären die Schmerzen schneller weg. Arg. (ich hoffe du verstehst was ich meine ^^“ )
    Du brauchst dich nicht schämen. Für nichts. Es lief einfach unglücklich. Die Ärzte in der Notaufnahme haben soweit ich weiß 24h Schichten und die haben auch oft mit Patienten zu kämpfen, die nichts ’schlimmes‘ haben und einfach nur in die Notaufnahme gehen, weil sie da eher dran kommen als wenn sie bei einem Termin für einen Facharzt warten würden. Was die Kapazitäten der Ärzte aus reizt, weil sie Dinge behandeln sollen die nicht akut sind. Dementsprechend sind sie manchmal genervt. Was noch dazu kommt, das Team ist nicht sehr groß. Sie hatten schlicht keine wirkliche Zeit dir richtig zuzuhören bzw das richtig zu verarbeiten. Mit dem Allergieschock hatte ich das gleiche Problem. Ich wurde verkabelt (die Flexüle war extrem schlecht gestochen, so das ich 14 Tage einen blauen Fleck hatte), mir wurde was gespritzt und dann lag ich da einfach rum. Ich wurde immer wieder die gleichen Sachen gefragt. Man hat mir nicht richtig zugehört. Es hat keinen interessiert das ich die Atemnot nur hatte, weil ich Angst hatte. Mein heulen hat auch keinen interessiert
    Wobei aber das Chirurgenteam (also die,die sich um die Bissverletzung gekümmert haben und auch meine Brüche, Prellungen etc.) die sind top. Die hören deutlich besser zu und sind irgendwie menschlicher.
    Ich glaub einfach, dass die Ärzte für einen Umgang mit psychischen Erkrankungen nicht oder zu wenig geschult werden und dass durch das System einfach sowas leider auf der Strecke bleibt. Wofür du ja nichts kannst.
    Warst du vor Jahren nicht mal in Bergmannstrost? Da war es ja nicht so schlimm, oder?

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