Archiv für den Monat: Mai 2017

Der lange Weg zur Selbsterkenntnis

Wie ich schon in „Diagnostik, Klappe die erste“ schrieb, stand die Autismus-Diagnose bei mir schon im Alter von acht Jahren. Aber es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ich es für mich begriff.

Meine Mutter hatte mir von der Diagnose nichts erzählt. Sie wollte mich möglichst „normal“ aufwachsen lassen und mich nicht ständig mit meinen Schwächen konfrontieren. Ihre Befürchtung war, dass ich immer meine Einschränkungen vorgehalten bekommen und darüber meine Stärken vergessen würde. Ich weiß nicht, ob diese Entscheidung damals richtig war. Und ich erlaube es mir auch nicht, darüber ein Urteil zu fällen. Unbegründet waren diese Sorgen sicherlich nicht. Vor allem, wo Autisten auch heute noch zu schnell unterschätzt und ihnen Fähigkeiten pauschal abgesprochen werden.

Es ist nicht so, dass ich in diesen zehn Jahren niemals mit meiner Autismus-Diagnose konfrontiert gewesen wäre. Das erste Mal war, als man mich in der Realschule für die Schülerzeitung interviewt hat. Es gab zu Beginn meiner Zeit dort zwei behinderte Schülerinnen an der Schule. Mich, und ein Mädchen im Rollstuhl, das in die Parallelklasse ging. Darüber wollte die Zeitung berichten. Manch einer mag das jetzt als übergriffig bewerten, auch die „Unsichtbare“ mit einzubeziehen. Aber den Bericht hat im Nachhinein kaum einer der Schüler interessiert. Und auch ich vergaß das Thema „Autismus“ sehr schnell wieder. Es war auch nicht sonderlich gut erklärt worden in der Schülerzeitung. Ich erinnere mich an das übliche Klischee „lebt in ihrer eigenen Welt“. Damals habe ich das einfach auf die Welt bezogen, die ich mir im meinem Kopf ausmalte, um mich weniger einsam zu fühlen.

Das nächste Mal wurde ich mit dem Thema konfrontiert, als ich in der zehnten Klasse war. Es zeichnete sich ab, dass ich würde als Zeugin vor Gericht aussagen müssen. Verschiedene Leute versuchten das zu verhindern. Justitia ließ sich nicht beirren. Ich war aufgrund meiner Beziehung zum Opfer eine wichtige Zeugin, also musste ich aussagen. Die Mutter war es, die mich dann ein zweites Mal mit meiner Diagnose konfrontierte. Sie hätte es zudem schon länger gewusst. Aber das konnte doch nicht sein? Meine Mutter hatte mir nie etwas gesagt? Mit meinem damaligen Freund zusammen durchforstete ich das Internet, las den Wikipediaartikel zu „Autismus“. Ja, einige Dinge stimmten schon. Ich hatte soziale Probleme, ohne Zweifel. Aber Autist? Darunter vorstellen konnte ich mir nichts. Ich war eine Außenseiterin, mehr nicht. Und so nahm ich die Diagnose wieder nicht für mich an.

Ich wechselte in die gymnasiale Oberstufe. Den Q-Vermerk hatte ich mir mit Bravour erarbeitet. Von einer drei auf eins innerhalb eines halben Jahres in Englisch. Und es war der Englischunterricht in der Oberstufe, der das Thema Autismus das nächste Mal aufwarf. Wir lasen „A Curious Incident of the Dog in the Night-Time“. Unser Lehrer bereitete den Stoff so aus, als wäre der Hauptcharakter Autist. Einmal bekamen wir als Hausaufgabe einen Fragebogen mit, womit wir testen konnten, wie weit wir auch autistisch seien. Es könnte gut der AQ-Test gewesen sein. Ich erzielte eine erschreckend hohe Punktzahl. Aber Autist? Ich war doch nicht so wie dieser Junge im Buch! Ich entscheide nicht aufgrund von Autos, ob mein Tag gut oder schlecht wird. Ich schreie doch nicht unerklärlich herum (haha … wie naiv ich doch war). Wieder nahm ich die Diagnose nicht an.

Dann, ab dem zweiten Halbjahr, fiel ich zunehmend in ein Loch. Die Oberstufe überforderte mich. Nicht zwingend fachlich, aber sozial. Die unsichtbare Unterstützung seitens der Lehrer gab es nicht mehr. Ich wurde zunehmend depressiv, entwickelte Prüfungsängste. Meine Noten sackten immer weiter in den Keller. Das kannte ich nicht. Selbst gutes Zureden meiner Mutter, die vor ihrem Abitur eine Ehrenrunde hatte drehen müssen, half nicht. Irgendwann während der 12 sagte ich, dass es so nicht weiterging. Ich bräuchte Hilfe. So landete ich bei einer psychosozialen Beratungsstelle. Und nach einigen Wochen sagte man es mir dort in aller Klarheit.

„Du hast das Asperger-Syndrom.“

Nicht, dass man mich dort ein zweites Mal diagnostiziert hätte. Die Information kam von meiner Mutter. Mit einem Mal konnte ich es nicht mehr länger von mir wegschieben. Oder verleugnen.

Im ersten Moment war es ein Schock für mich. Ich zog mich für einige Tage vom SchülerVZ zurück, wo ich damals an verschiedenen Stellen sehr aktiv war. Unter anderem auch in einem RPG. Wenn ich Autist war, wie konnte ich dann überhaupt RPG spielen? Autisten haben doch keine Fantasie! Sie können sich nicht in andere Personen reindenken! So dachte ich damals. Niedergeschlagenen von all den Klischees, die es im Bereich Autismus gibt. Dass ich in einer Beziehung war, machte die Sache auch nicht unbedingt besser. Mein Freund aber wusste ja schon Bescheid.

Doch mit einem Mal ergab es Sinn. Wieso ich doch so anders war als die anderen. Wieso mich Gruppenarbeiten überforderten und ich solche Probleme mit Tonfall und Gesichtsausdrücken hatte. Ich begriff, wieso ich so anders auf Stress reagierte als meine Mitschüler. Wieso ich als einzige laut zu schreien begann und um mich schlug. Wieso der Lärm der Renovierungsarbeiten mir derart zusetzte.

Nicht, dass auf einen Schlag alles besser gewesen wäre. Auch sieben Jahre später habe ich meinen eigenen Autismus noch nicht vollkommen begriffen. Die Oberstufe blieb bis zuletzt ein einziger Kampf. Aber es war ein erster Schritt dahin, besser mit der Umwelt zurecht zu kommen. Weil ich jetzt gezielt an Strategien arbeiten konnte, die mir bislang gefehlt hatten. Doch natürlich machen Strategien nicht alle Probleme einfach weg.

Wie es dann weiterging, werde ich demnächst berichten.

 

Realschule: Die „lieben“ Mitschüler

So gut es in der Realschule auch mit den Lehrern lief, so schlecht kam ich mit meinen Mitschülern zurecht.

Mobbing war ein Thema, das mich seit dem Kindergarten immer begleitet hatte. Egal, wie oft ich auch umzog. Mein seltsames Verhalten hatte immer schnell genug die Folge, dass man mich begann zu hänseln. In der Realschule, wo ich sechs Jahre lang in derselben Klassengemeinschaft zurechtkommen musste, nahm es zwischenzeitig die schlimmsten Züge an.

Es war wohl in der sechsten Klasse, als der Klassenlehrerin eine seltsame Idee kam, mich besser in die Klasse zu integrieren; Jeder der etwa dreißig Schüler musste eine Woche lang neben mir sitzen. Für mich war das ein sehr lange fortdauerndes Wechselspiel. Wenn ein Mädchen neben mir saß, war das in Ordnung bis gut. Immerhin kamen so auch die „Freunde“ vorbei. Waren es aber ein Junge, war es meistens eine schlechte Woche für mich. Nur wenige Jungs verhielten sich neutral und in den meisten Fällen saß jemand neben mir, der sich schon mit am Mobbing beteiligt hatte. Einer der schlimmsten schaffte es natürlich, eine Woche länger neben mir sitzen zu bleiben. Er hatte mir einen Test weggenommen, während ich noch den letzten Satz beenden wollte (was immer erlaubt war). Dass er aber eine Woche länger neben mir sitzen sollte, war vor allem auch eine Strafe für mich. Zum Glück blieb es das einzige derartige Experiment. Einmal wurde ich noch neben eine Freundin gesetzt (die ich immer Mal wieder in die Seite piekte, wenn sie sich morgens vor dem Unterricht an mich anlehnte), für den Rest der dortigen Schulzeit saß ich allein.

In der siebten Klasse uferte das Mobbing aus. Leider hatte man den Jungs hierfür auch eine Steilvorlage geliefert. Die Klasse kam mir unseren neuen Englisch- und Biolehrer extrem schlecht zurecht. Letztendlich wurden „Hilfssheriffs“ ernannt, die dabei helfen sollten Ordnung zu halten. Dafür bekamen sie die Befugnis, Strafarbeiten zu erteilen. Leider waren die meisten dieser Sherifs genau die Jungs, die mir ständig eins auswischen wollten (inklusive dem Zwei-Wochen-Sitznachbarn). Ich bekam für die lächerlichsten Dinge Strafarbeiten aufgehalst. Dafür, dass ich im Unterricht zeichnete (für die anderen Lehrer war das in Ordnung, nur die Schüler nie). Oder auch, weil ich die Beine unter dem Tisch ausstreckte. Dass ich schlicht zu groß für Schultisch und -stuhl war, weshalb ich den Tisch mit angewinkelten Beinen anhob, wurde natürlich ignoriert. Jede Woche erhielt ich somit wenigstens eine Strafarbeit und musste teilweise bis zu drei Seiten aus dem Biologiebuch abschreiben. Für nichts. Doch weil ich nicht noch mehr Ärger bekommen wollte, fertigte ich die Strafarbeiten an. Selbst wenn dadurch mein gesamter Tagesrhythmus aus der Spur geriet.

Ich könnte wohl einen ganzen Roman schreiben, was alles in diesen sechs Jahren passiert ist. Äußerlich zeigten sich die Auswirkungen aber vor allem darin, dass meine mündliche Mitarbeit im Laufe der Jahre immer weniger wurde. Während ich in der fünften mein Wissen noch begierig mitteilte, traute ich mich in der achten nur noch dann ein Wort zu sagen, wenn ich mir bei der Antwort absolut sicher war. Ich ertrug es einfach nur noch. Die Hoffnung auf Hilfe hatte ich irgendwann verloren. Meine „Freunde“ standen regungslos dabei, und den Lehrern konnte ich auch so viel berichten wie ich wollte. Niemand tat etwas, dass letztendlich wirklich geholfen hätte. Ich selbst hätte mich nur mit Schlägen zur Wehr setzten können, was ich nicht at. Zudem beschränkte das Mobbing nicht allein auf den Klassenraum. Oder auf Strafarbeiten. Selbst auf sexueller Ebene machte man mich fertig. Auf dem Weg nach Hause kam es vor, dass Jungs mich fragten, ob ich Jungfrau sei („Nein, ich bin Waage.“) Oder auch, ob ich denn im Intimbereich rasiert sei. Derselbe Junge fügte dann sogar Mal hinzu, dass er es „buschig“ möge. In einem Alter, in dem ich noch nicht einmal ansatzweise an Sex dachte. Durch das Mobbing glaubte ich ab der sechsten oder siebten sowieso, dass ich niemals einen Freund haben würde. In der fünften machte sich ein Junge aus der Parallelklasse einen Spaß daraus, mir vor aller Augen an den Hintern zu packen. Ich ahnte damals noch nicht einmal etwas von der sexuellen Bedeutung dieser Geste. Irgendwann ging ich nur noch in bestimmten Pausen auf die Toilette, weil manche Mädchen immer in meine Kabine hineinsahen und mich mit Klopapier bewarfen.

Im Laufe der Zeit ging ich jeder potentiell „gefährlichen“ Situation aus dem Weg. Trotzdem blieb die Schule immer mit Angst verbunden. Angst, dass die Mobber eine neue Angriffsfläche entdecken würden. Als ich in der neunten eine Beziehung begann einigte ich mich mit meinem Freund noch beim ersten Treffen darauf, uns in der Schule nichts anmerken zu lassen. Meine größt Angst bewahrheitete sich jedoch zum Glück nie; Dass die falschen Ohren etwas davon hörten, dass mein Vater homosexuell war.

Einmal führte jedoch auch genau dieses „Vermeidungsverhalten“ zu einem gewaltigen Problem. Zu Beginn der zehnten wurden die Besten eines jeden Jahrganges ausgelobt. Ich war zwar eine der Besten in der Klasse, doch vor allem durch meine schlechte mündliche Mitarbeit nicht unter den ausgelobten Top3 des Jahrgangs. Es wurde sogar einer der schlimmsten Jungs als Klassenbester ausgelobt. Für mich eine absolute Katastrophe. Nach der großen Pause wollte ich nicht mehr in die Klasse zurück. Weil ich Angst vor einem gewaltigen Angriff auf mich hatte. Meine Klassenlehrerin konnte mich da auch nicht beruhigen. Sie holte letztendlich sogar meinen damaligen Freund aus dessen Klasse, damit er mich trösten konnte.

Mit dem Wechsel auf das Gymnasium hatte das alles endlich ein Ende. Auch wenn gerade die schlimmsten mit auf dasselbe Gymnasium gingen, hatten die jetzt wichtigeres zu tun. Zwischendurch begannen zwar einige Achtklässler mich in der Cafetaria mich mit Essen zu bewerfen und bedrengten mich regelmäßig auf dem Weg nach Hause. Dieses Mal ging aber eine Freundin aus einer höheren Stufe dazwischen, und nach wenigen Wochen hatte ich wieder meine Ruhe.

Doch die Folgen all dieser Erfahren spüre ich jedoch bis heute. Ich muss ständig kontrollieren, ob ich nicht unangenehm rieche. Ebenso muss ich immer extrem darauf achten, ob meine Kleidung in Ordnung ist. Auch nur geringfügig falsche Antworten machen mich fertig. Ich kann niemandem meine Zeichnungen zeigen, wenn sie nicht bis zu einem gewissem Grad fertig sind (es hieß immer, ich würde Pornos zeichnen). Sexuell bin ich extrem verklemmt und kann mich erst seit kurzem überhaupt mit jemanden über Verhütungsmittel oder „Damenhygenieprodukte“ austauschen. Meinen eigenen Körper empfinde ich als hässlich. Und wahrscheinlich ist das nur die Spitze des Eisberges. Weil eine Möglichkeit alles aufzuarbeiten, hatte ich bis heute ebenfalls nicht.

Und hier über all das schreiben hätte ich vor einiger Zeit auch noch nicht gekonnt. Doch ich kann es auch nur, weil hier niemand meinen Namen kennt.

 

Bin ich gefährlich?

Es war in der fünften Klasse, als es zu einem folgenschweren Vorfall kam. Ein Vorfall, der mich in seinen Auswirkungen bis heute verfolgt.

Es war in der Pause nach dem Englischunterricht. Wir hatten gerade einen Vokabeltest zurück erhalten. Ich freute mich über meine 1. In Englisch hatte ich einige Startschwierigkeiten gehabt und erst einmal begreifen müssen, dass ich Vokabeln wirklich lernen muss.

Es war nur eine kleine 5-Minuten-Pause. Wir bleiben im Klassenraum. Und wieder einmal gerieht ich ins Visier der Jungs.

„Elodiy hat eine 6!“

„Elodiy hat eine 6!“

Ich weiß nicht mehr genau, ob ich dagegen Protest eingelegt habe. Immerhin stand da ein „sehr gut“ auf meinem Zettel. Doch wie ich mich kenne, müsste ich es wenigstens einmal getan haben. Wahrscheinlich hätte es eh keine Rolle gespielt.

„Elodiy hat eine 6!“

„Elodiy hat eine 6!“

Die Schmährufe waren an diesem Tag lauter als sonst. Verletztender. Irgendwo wollte ich mich mit aller Kraft dagegen wehren. Ich hatte keine 6! Es brachte alles nichts. Die Hänselleien gingen weiter.

„Elodiy hat eine 6!“

Der Lehrer ließ auf sich warten.

„Elodiy hat eine 6!“

Die Jungs bedrängten mich. Ließen mich einfach nicht in Ruhe.

Irgendwann wollte ich einfach nur noch raus. Weg von diesen ganzen Schmährufen. Irgendwohin wo man mich in Ruhe ließ.

Ich weiß nur, dass ich aufsprang und aus dem Klassenzimmer rannte. Durch eine Gruppe, die mir den Weg versperrte, kämpfte ich mich blindlings durch. Dabei habe ich wohl einem Jungen mit dem Ellenbogen einen Zahn ausgeschlagen. Ich konnte mich nie an diesen Schlag erinnern. Überhaupt wusste ich nie, was genau auf dem Weg nach draußen noch geschehen war.

Irgendwann saß ich dann einfach auf dem Fensterbank im Flur. In Tränen aufgelöst. Fix und alle. An dem Tag musste ich von der Schule abgeholt werden. Und begriff einfach nicht, was da mit mir geschehen war.

Es machte mir Angst. Noch heute habe ich Angst, dass etwas ähnliches wieder passieren könnte. Dass ich irgendwann wieder derart die Kontrolle verliere, dass ich unbeabsichtigt Menschen angreife. Was in mehr als zehn Jahren nur noch einmal vorkommen sollte, wo man mich im falschen Moment zu fest gepackt hatte. Und nicht nur ich hatte davor Angst. Seit diesem Zeitpunkt gingen sämtliche Klassenkameraden, selbst meine „Freunde“, auf Abstand, wenn ich offensichtlich mies gelaunt war. Selbst in der zehnten Klasse noch. Es tat weh. Manchmal hätte ich gerade da jemanden gebraucht, der mich aufmunterte.

Erst Jahre später begriff ich, dass ich damals einen Overload, vielleicht sogar einen Meltdown gehabt haben musste. Meltdowns sind mir als solche nicht unbekannt. Aber meistens kann ich die Aggressionen im Zaum halten. Wenn nicht, kommt es zu Selbstverletzungen. Und doch bleibt die Angst, dass es irgendwann nicht mehr dabei bleiben wird.

Übrigens kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich dafür bestraft worden wäre, dem Jungen den Zahn ausgeschlagen zu haben. Man begriff wohl damals schon, dass es nicht meine Absicht gewesen war. Dass ich einfach nur hatte Fliehen wollen. Und Mal ganz ehrlich. Die Schuld an diesem ausgeschlagenen Zahn trugen wohl eher die Mobber. Oder?

Unerwartet unkomplizierte Hilfe

Letzte Woche muss ich einen Kompass für hilfsbereite Menschen gehabt haben. Anders kann ich es nicht erklären, dass ich hier heute wieder von einer guten Begebenheit erzählen kann.

Passiert ist das ganze schon am vergangenen Samstag. Ich hatte meinen Anschlusszug verpasst (Gruß an den entgleisten ICE in Dortmund!) und saß somit für mehr als 1,5 Stunden am Hauptbahnhof fest. Das Bahnhofsgebäude voller Menschen, garniert mit dem ein oder anderem Junggesellenabschied. An einem anderen Hauptbahnhof hätte ich mich schlicht in die dortige Buchhandlung und dort in die zweite Etage verdrückt, wo netter Weise auch die Manga zu finden sind. Doch in diesem kannte ich mich nicht aus. Ich wusste nicht, wo man hier einen stillen Bereich finden konnte. Abgesehen natürlich von der Toilette.

Also, was tun? Ich hatte beim Gang zum Infopoint schon eine kleine Schreiattacke bekommen, weil man mich in der Reihenfolge bestimmt fünfmal übergangen hatte (ich stand als einzige brav in der Schlange!). Ein Overload war nicht mehr weit entfernt. Noch einmal in der Notaufnahme landen wollte ich nicht. Dieses Mal wären alle Verwandten definitiv zu weit entfernt gewesen, um mich am selben Abend wieder raus zu holen.

Eine Idee hatte ich aber. Die Bahnhofsmission. Ich hatte mich zu Hause schon informiert, wo diese zu finden ist. Also ging ich da nun hin, nachdem ich einen Stempel auf meinem Ticket und eine neue Sitzplatzreservierung für den nächsten Zug hatte. Mein „Herumlungern“ vor der Tür wurde da schon nach wenigen Minuten bemerkt. So ein Schild „Bitte klingeln“ ist zwar hilfreich, aber so eine Klingel an der Tür ist dann auch schnell eine Barriere (Macht jemand direkt die Tür auf, oder muss ich jetzt erstmal was sagen? Und was, wenn ich wieder nichts verstehe?). Ich begrüßte den jungen Mann an der „Anmeldung“ gewohnt höflich und fragte, ob man hier ein stilles Plätzchen für mich hätte. Zu meiner enormen Überraschung reichte die Schilderung, dass ich für 1,5 Stunden festsaß und den Bahnhofslärm nicht ertragen könnte, vollkommen aus. Nach weiteren Gründen wurde gar nicht gefragt. Ich durfte mich dann in eine Art Gebetsraum setzen, wo ich die Tür nach vorne auch hätte zumachen können. War dann aber gar nicht notwendig. Ich versorgte eine frische Blase am Fuß, wechselte das verschwitzte T-Shirt und saß ansonsten nur still herum. Irgendwann später, kurz bevor mein Zug den Bahnhof erreichen würde, verließ ich den Raum. Um nichts zu vergessen wollte ich lieber was mehr Zeit haben. Ich warf etwas in die Spendenbox und schrieb dann noch einen kleinen Dankesbrief, den ich beim Abschied an der „Anmeldung“ hinterließ. Darin habe ich dann doch noch meine Diagnose verraten. Es erschien mir einfach fair deutlich zu machen, wie sehr man mir mit dieser „Kleinigkeit“ geholfen hatte.

Mein „neuer“ Anschlusszug stand dann auch pünktlich gut 20 Minuten vor der Abfahrt am Bahnsteig. Und ich stieg überraschend erholt ein.

Ich würde mir wirklich wünschen, wenn derart unkomplizierte Hilfe auch anderen zugute kommen könnte 🙂 Und das keinesfalls beschränkt auf eine bestimmte Organisation! Manchmal sind es halt wirklich nur Kleinigkeiten, die enorm viel bewirken können.

 

Diagnostik, Klappe die erste

Oder auch „Grundschule, Klappe die zweite“

Nach der Trennung meiner Eltern kam ich mit der zweiten Klasse an eine neue Schule. Mit furchtbar vielen Umstellungen. Das Aufstellen auf dem Schulhof gab es nicht mehr. Genauso wenig wie die vielen Kinder mit Migrationshintergrund. Von einer städtischen, katholischen Grundschule in der Großstadt wechselte ich auf eine Gemeinschaftsgrundschule in einer „Kleinstadt“ (es ist streng genommen keine, aber wenn sich die meisten Einwohner auf umliegende Dörfer verteilen?).

In gewissen Sinne hatte ich Glück, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt neu in die Klasse zu kommen. Mit mir zusammen waren es noch zwei andere Kinder. Und somit wurde auch ein Förderunterricht organisiert, um uns nebenbei noch die Schreibschrift beizubringen, die die anderen Kinder schon beherrschten. Wir anderen schrieben zu dem Zeitpunkt aber alle noch Druckschrift.

Mein Pech aber war, dass mein Fehlverhalten plötzlich sehr viel stärker ins Gewicht viel. Meine neue Klasse war sehr viel ruhiger als die alte. Und somit viel ich natürlich auf. Gleichzeitig aber stimmten meine schulischen Leistungen nach wie vor. Vielleicht war es das, was meine Grundschullehrerin stutzig werden ließ. Sie war durch ihre eigenen Kinder in Bezug auf Behinderungen im Allgemeinen sensibilisiert. Da saß ein zu groß geratenes Kind, dass sich kaum an Regeln hielt, fast ständig irgendwelche Bilder malte und trotzdem im Stoff gut mitkam. Jedenfalls empfahl sie noch innerhalb des ersten Jahres meiner Mutter, mit mir zum Kinderpsychologen zu gehen. Verdacht; Hochbegabung.

An das, was darauffolgte, kann ich mich heute nicht mehr wirklich erinnern. Ich erinnere mich grob an eine zweite große Untersuchung, die mir als Kind irgendwie so vorkam wie die Vorschuluntersuchung. Soweit ich mich erinnere, begriff ich aber den Sinn dahinter nicht. Und das Ergebnis dieser Untersuchung erfuhr ich ebenfalls nicht. Meine Mutter aber wurde erstmalig mit einem Begriff konfrontiert; Asperger-Syndrom. Es war das Jahr 2000. Ich war acht Jahre alt.

Meine Mutter versuchte zu verstehen, was mit mir „nicht stimmt“. Nur drang das Thema damals auch gerade erst langsam in die Öffentlichkeit. Bücher über Autismus, und speziell das Asperger-Syndrom, waren rar. Erfahrungsberichte von erwachsenen Asperger-Autisten fehlten. Eines war aber für sie klar; Sie wollte mich so normal wie möglich aufwachsen lassen. Inmitten der Gesellschaft, nicht abgeschoben in irgendwelche Sonderwelten. Genau deshalb erfuhr ich die damalige Diagnose auch erst einmal nicht.

Auch für mich an der Schule änderten sich einige Dinge. Natürlich, benehmen musste ich mich. Das Prügeln wurde mich im Laufe der Grundschule erfolgreich ausgetrieben. Ohne jedoch, dass man mir irgendein anderes Mittel zur Verteidigung gegen das ständige Mobbing gab. Ich fühlte mich meiner einzigen Waffe beraubt. Manchmal wurde ich aus dem Unterricht geholt und landete bei der Sonderpädagogin unserer Schule. Was ich da sollte, verstand ich ebenfalls nie. Die anderen Kinder dort hatten alle Lernprobleme. Die hatte ich nicht! Als irgendwann der Förderunterricht für alle Kinder verpflichtend wurde, war ich in der Gruppe, die keine Lerndefizite aufwies.

Was ich ebenfalls nicht mitbekam, war eine große Frage in der vierten Klasse; Auf welche weiterführende Schule schickt man eine Asperger-Autistin? Niemand wusste da weiter. Man wollte mich schon auf die Walddorf-Schule schicken. Dort sei ich schließlich in einem geschützten Umfeld. Das aber wollte meine Mutter nicht. Immerhin würde ich dann später nur umso heftiger auf die Nase fallen, wenn ich ins „normale“ Berufsleben käme. Meine Leistungen nach hätte ich eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten. Doch davor schreckten alle zurück. Vor allem meine Mutter hatte Angst, dass ich mit dem dortigen Stress nicht klarkommen würde (sie selbst war am Gymnasium gewesen) und bei einem Scheitern direkt auf der Hauptschule landen würde. Ich bekam einen Schock, als man mir in der Schule ein Infoheft für die Hauptschule in die Hand drückte. So schlecht war ich doch nicht! Meine Mutter bemühte sich schließlich um einen der in unserer Stadt damals sehr begehrten Realschulplätze. Mit Erfolg. Und mit einem Schulleiter, der in meiner Diagnose kein Problem sah. So wechselte ich nach der vierten Klasse auf eben diese Realschule.

Von der Einstellung der Lehrer her, sollten das die besten Jahre meiner Schullaufbahn werden. Und die schlimmsten in Bezug auf die Mitschüler.

 

Unerwartete Hilfe

Die Tage passierte in der Universität folgendes;

Die für 15:30 und erst um 16:11 begonnene Besprechung des Projektes zog sich in die Länge. Schuld daran waren spontane Überlegungen des Professors (aka der Chef) zu verschiedenen Formeln. Ich war an diesem Tag schon wegen des Kinobesuchs am Vorabend müde und stand zudem unter Druck, weil ich im Anschluss noch mit Mutter und Stiefvater eine etwa 5-stündige Autofahrt antreten sollte. Zwar war ich nicht der Fahrer, aber zu spät wollte ich auch nicht los.

Es kam, wie es kommen musste. Irgendwann wollte ich nur noch raus aus dieser Situation. Das Denken viel mir zunehmend schwer. Teilweise schaltete ich schon einfach auf Durchzug und tat nur noch so, als würde ich mich ernsthaft mit den Gleichungen auf der Tafel beschäftigen. Obwohl ich noch ein paar Vorzeichenfehler des Professors bemerkte (und korrigerte). Die üblichen Kopfschmerzen setzten ein. Irgendwann gab ich schon mal kurz zu verstehen, dass ich die Besprechung gerne beenden würde. Nicht deutlich genug. Es wurde fortgefahren. Irgendwann kamen meine Antworten nur noch sehr verzögert. Ich schloss die Augen, um irgendwo noch durchzuhalten. Verdrehte mir die Haut auf dem Arm, um mir nicht gegen den Kopf schlagen zu müssen. Um irgendwie „still“ bleiben zu können.

Dann endete die Besprechung. Und in dem fiel dem Professor auf, dass bei mir etwas nicht stimmte.

„Geht es dir gut?“

Kopfschütteln meinerseits.

„Möchtest du, dass jemand dich nach Hause bringt?“

HUCH? Habe ich wirklich schon einen derart jämmerlichen Eindruck gemacht? Das muss wirklich das erste Mal gewesen sein, dass man mir so etwas direkt angeboten hat.

„Nein, ich werde hier sowieso abgeholt.“

Tatsächlich standen Mutter und Stiefvater schon längst auf dem Parkplatz.

Ich weiß nicht ob der Professor weiß, was genau ein Overload ist. Dass ich Autistin bin, das weiß er. Es war auch bei weitem nicht das erste Mal, dass ich bei einem Termin mit ihm in einen Overload gerieht (er spricht sehr laut und viel). Wahrscheinlich werde ich es deshalb nächste Woche beim nächsten Termin nochmal ansprechen.

Aber davon, dass er mir realtiv spontan in der Art helfen wollte, davon bin ich doch mehr als positiv überrascht.