Seht nicht nur die Defizite!

Ehrlich gesagt hatte ich überlegt, den Mittwoch-Beitrag diese Woche ausfallen zu lassen. Ich bin zu müde, zu erschöpft. Aber woher kommt es überhaupt, dass ich so erschöpft bin? Wenn ich so darüber nachdenke, läuft das meiste auf genau ein Problem hinaus; Die ständige Beschränkung der Sicht auf die Defizite der Autisten.

Man schaue sich einmal in der Welt der Medien um. Die Autisten in Serien möchte ich gar nicht Mal mit betrachten; Sie sind überladen von Klischees und stellen so gut wie nie einen „echten“ Autisten da. Was nicht gerade hilfreich für die Aufklärung ist. Wie oft wird „Rain Man“ als Beispiel für einen Autisten herangezogen? Die Figur Rain Man ist erstens Mal nicht als Autist ausgelegt, und überdies auch kaum zutreffend. Trotzdem gibt es noch zu viele Vergleiche. Aber das ist ein anderes Thema.

Worauf ich viel eher hinaus wollte, sind Berichte und Dokumentationen, welche sich mit Autismus beschäftigen. Produziert von Nicht-Autisten für Nicht-Autisten. Und ich kenne nur wenige Beispiele, wo tatsächlich Mal gezeigt wird, wie normal Autisten leben können. Wobei, wenn ein Autist etwas „normales“ schafft, heißt es zu oft „trotz Autismus“. Wieso denn immer trotz? Es suggeriert doch irgendwo, dass wir Autisten kaum etwas können. Weil wir Autisten sind.

Ich meine, natürlich haben wir Defizite. Unsere Diagnose basiert auf Defiziten. Es wäre dumm, die Defizite einfach auszublenden. Das würde letztendlich auf ein „Stell dich nicht so an“ herauslaufen und nur noch mehr Stress verursachen. Aber Autisten als Menschen voller Mängel, und nur Mängeln, zu sehen, ist wenigstens genauso schädlich. Wessen Selbstbewusstsein verkraftet es schon, immer und immer wieder gesagt zu bekommen „Du wirst das nie können!“. Wer würde angesichts einer Arbeitslosenquote von 80% keine Angst bekommen, dass einem dasselbe Schicksal wiederfährt?

Gebt uns doch die Chance zu zeigen, dass wir etwas leisten können!

Nochmal zurück zu dem, wieso ich das hier eigentlich schreibe. Wie gesagt, ich bin müde und kaputt. Vor allem, weil ich mir in meiner Arbeit als Praktikantin und wissenschaftliche Hilfskraft zu viel abverlange. Und das noch nicht Mal von Seiten der Uni her. Das Problem bin ich selbst, die unbedingt alles sofort fertig haben will und sowieso den besten Eindruck machen, der überhaupt möglich ist. Was immer das auch bedeuten mag. Mir fehlt das Maß, deshalb übertreibe ich. Arbeite viel zu viel, obwohl ich dringend Pausen bräuchte. Weil ich das Gefühl habe, mich unbedingt beweisen zu müssen. Zu zeigen, wie gut ich trotz Autismus (!) bin. In der Hoffnung, dass ich bleiben darf. Darüber hat niemand gesprochen. Mein Betreuer beginnt mich in letzter Zeit immer häufiger zu bremsen. Nur kann ich einfach nicht auf ihn hören … Und obwohl ich immer wieder dazu ermutigt wurde, spreche ich Probleme mit meinen Bedürfnissen aus Autistin nicht an. Aus Angst, dann wieder nur als Behinderte gesehen zu werden, die nichts kann.

Deshalb würde ich mir folgendes wünschen; Dass in Praktikum und Arbeit andere (Nicht-Autisten) mit aufpassen, dass man nicht übertreibt. Dass einem mit aller Deutlichkeit gesagt wird „Du musst das nicht bis nächste Woche machen. Das würde ich von niemanden verlangen“ oder ähnliches. Wenn man wie ich auch nicht weiß, wie viel die anderen in ähnlicher Position machen, fehlt einem einfach das Maß.

Und vor allem eines; Dass junge Autisten heute ein gesünderes Selbstbewusstsein entwickeln, als ich es habe. Dass ihnen ein Bild von Autismus vermittelt wird, dass die Stärken wenigstens genauso stark hervorhebt wie die Defizite. Damit sie nicht in die Falle laufen irgendwann zu denken, unter allen Umständen noch sehr viel mehr leisten zu müssen, um die Defizite um jeden Preis auszugleichen.

 

Ein Gedanke zu „Seht nicht nur die Defizite!

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