Eine Welt voller Lärm

Eigentlich wollte ich vor ein paar Tagen nur einen Routinebesuch (Routine im Sinne der „üblichen Angelegenheit“, keine meiner notwendigen Alltagsroutinen) hinter mich bringen. Frei nach dem Motto; Einmal bitte Ohren durchspülen. Mein Gehörgang sind nicht ganz so gut gewachsen, weshalb sich der Schmalz sammelt und alle 1,5 bis 2 Jahre den Gehörgang ganz verschließt. Dabei wurde jetzt jedoch auf dem einen Ohr eine Ohrenentzündung festgestellt. Alles, was ich davon körperlich merke, ist ein leichter Druck auf dem betroffenen Ohr.

Wieso schriebe ich hier aber über eine simple Ohrenentzündung, und dann noch unter der Kategorie „Autismus“?

Ganz einfach; Als Sofortbehandlung stopfte mir die Ärztin einen mit Salbe getränkten Gaze-Streifen ins Ohr. In der Folge konnte ich auf dem Weg von der Innenstadt zur meiner Wohnung meine Kopfhörer nicht benutzen, um wie üblich Musik zu hören. Was jetzt nach Leuten klingt, die schon mal blindlinks vor Bahnen und Autos laufen, ist für mich eine absolute Notwendigkeit und keine bloße Bequemlichkeit. Verzichte ich auf die Kopfhörer, bin ich innerhalb kürzester Zeit extrem erschöpft. So wie auch an diesem Tag. Eine halbe Stunde Fahrt, und ich musste den für 16 Uhr angesetzten Termin in der Universität absagen. Kommunikation, oder auch schon bloßes Denken, waren im Anschluss ein furchtbarer Kraftakt.

Den Grund dafür kenne ich leider nur allzu genau. Als Autistin verarbeite ich Reize anders, als es die meisten NT (= Neurotypische, also Nicht-Autisten) tun. Am deutlichsten ist das bei mir beim Hören ausgeprägt. Nicht nur, dass ich auch noch sehr leise Töne wahrnehme. Gleichzeitig nehme ich zu viel war, um nicht zu sagen alles. In der vollbesetzten Mensa einem Gespräch zu folgen, verlangt von mir enorme Konzentration. Denn die Gespräche der Menschen um mich herum nehme ich mit derselben Intensität war, wie die meiner Sitznachbarn. In Vorlesungen höre ich das Wispern von Kommilitonen ebenso deutlich wie die Stimme des Dozenten. Apropos Dozenten. Wenn dieser zu laut spricht, kann das bei mir furchtbare Kopfschmerzen oder sogar einen Overload auslösen. Zumindest, so lange ich nicht weit genug von diesem Weg sitze. Das Geräusch von Staubsaugern, Rasenmähern und Bohrern ist für mich generell unerträglich. Da hilft nur die Flucht, da die Kopfschmerzen hier schon innerhalb von 5 Minuten einsetzten und ein Overload ebenso schnell beginnt.

Das alles macht den Alltag außerhalb meiner Wohnung für mich enorm anstrengend. An langen Unitagen zog ich mich häufig auf die Toilette zurück, um wenigstens für eine halbe Stunde Ruhe zu haben und abschalten zu können. Zudem kommt es immer wieder zu der ein oder anderen „kleinen“ Panne. Wenn ich an einer Tür klopfe, „überhöre“ ich meistens die Antwort aus dem Zimmer. Selbst, wenn sich eine Gruppe ein Stockwert unter oder über mir unterhält. Ebenso verstehe ich oftmals fremde Leute nicht, die mich mitten auf einer belebten Straße ansprechen. Wenn ich eine Stimme nicht gut kenne, kann ich sie aus dem Lärm schlicht nicht herausfiltern.

Wie aber übersteht man den Alltag, wenn man derart empfindlich auf Geräusche reagiert? Genau an dieser Stelle kommen die Kopfhörer ins Spiel. Denn auf Musik reagiere ich weniger. Bei Musik, die mir gefällt, verdreht es sich sogar ins Gegenteil. Besonders komplexe Musikstücke blenden alle anderen Geräusche aus und beruhigen mich. Deshalb bin ich im Alltag so gut wie immer mit Musik auf den Ohren unterwegs. Meist Klassik (in Form von Soundtracks) oder Symphonic Metal. Ausnahmen gibt es nur, wenn ich mit anderen Personen interagieren muss; Wie etwa an der Supermarktkasse oder bei einer Fahrkartenkontrolle. Aber das hat auch eher mit anerzogenen gesellschaftlichen Regeln zu tun. Besser wäre es für mich, die Musik auch dabei weiter laufen zu lassen.

Natürlich funktioniert das auch nicht immer. In Vorlesungen würde es eher ablenken, genauso wie beim Einschlafen. Dafür habe ich dann Ohrstöpsel. Aktuell noch etwas zu dicke Standard-Stöpsel, aber langfristig werde ich mir wohl speziell angepasste zulegen. Das Problem ist nur, dass die Ohrstöpsel die Geräuschkulisse immer nur reduzieren, nicht wie die Musik so gut wie vollständig überdecken. Folglich ist das für mich immer nur eine Überganglösung. Wenn ich einmal in einer Vorlesung auf die Ohrstöpsel zurückgreifen muss, halte ich auch meistens nur noch für den Rest der Veranstaltung durch und muss im Anschluss nach Hause. Natürlich wieder mit Kopfhörern und Musik!

Ach, das mit der Musik hat auch einen vielleicht unerwarteten Nebeneffekt; Ich kann auf Konzerte gehen! Zwar nur auf die von zwei Bands, aber ich kann es. Obwohl ich trotzdem niemals allein dorthin gehen würde. Tatsächlich aber habe ich diesen Rausch zu Beginn eines Konzerts zu lieben gelernt. Der Moment, in dem die Band anfängt zu spielen und alle im Saal zu ein und demselben Lied singen und tanzen, das in einer alles überdröhnenden Lautstärke ertönt. Beim ersten Mal (einem Konzert der Symphonic-Metal Band Nightwish) hatte ich Tränen in den Augen und fand meine Stimme auch erst relativ am Ende zu „Storytime“ wieder. Einer der höchst seltenen Momente, wo mein Autismus keine Rolle mehr spielt.

Und hätte jemand eine Autistin auf einem Metal-Konzert erwartet? 😉

 

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