Bin ich gefährlich?

Es war in der fünften Klasse, als es zu einem folgenschweren Vorfall kam. Ein Vorfall, der mich in seinen Auswirkungen bis heute verfolgt.

Es war in der Pause nach dem Englischunterricht. Wir hatten gerade einen Vokabeltest zurück erhalten. Ich freute mich über meine 1. In Englisch hatte ich einige Startschwierigkeiten gehabt und erst einmal begreifen müssen, dass ich Vokabeln wirklich lernen muss.

Es war nur eine kleine 5-Minuten-Pause. Wir bleiben im Klassenraum. Und wieder einmal gerieht ich ins Visier der Jungs.

„Elodiy hat eine 6!“

„Elodiy hat eine 6!“

Ich weiß nicht mehr genau, ob ich dagegen Protest eingelegt habe. Immerhin stand da ein „sehr gut“ auf meinem Zettel. Doch wie ich mich kenne, müsste ich es wenigstens einmal getan haben. Wahrscheinlich hätte es eh keine Rolle gespielt.

„Elodiy hat eine 6!“

„Elodiy hat eine 6!“

Die Schmährufe waren an diesem Tag lauter als sonst. Verletztender. Irgendwo wollte ich mich mit aller Kraft dagegen wehren. Ich hatte keine 6! Es brachte alles nichts. Die Hänselleien gingen weiter.

„Elodiy hat eine 6!“

Der Lehrer ließ auf sich warten.

„Elodiy hat eine 6!“

Die Jungs bedrängten mich. Ließen mich einfach nicht in Ruhe.

Irgendwann wollte ich einfach nur noch raus. Weg von diesen ganzen Schmährufen. Irgendwohin wo man mich in Ruhe ließ.

Ich weiß nur, dass ich aufsprang und aus dem Klassenzimmer rannte. Durch eine Gruppe, die mir den Weg versperrte, kämpfte ich mich blindlings durch. Dabei habe ich wohl einem Jungen mit dem Ellenbogen einen Zahn ausgeschlagen. Ich konnte mich nie an diesen Schlag erinnern. Überhaupt wusste ich nie, was genau auf dem Weg nach draußen noch geschehen war.

Irgendwann saß ich dann einfach auf dem Fensterbank im Flur. In Tränen aufgelöst. Fix und alle. An dem Tag musste ich von der Schule abgeholt werden. Und begriff einfach nicht, was da mit mir geschehen war.

Es machte mir Angst. Noch heute habe ich Angst, dass etwas ähnliches wieder passieren könnte. Dass ich irgendwann wieder derart die Kontrolle verliere, dass ich unbeabsichtigt Menschen angreife. Was in mehr als zehn Jahren nur noch einmal vorkommen sollte, wo man mich im falschen Moment zu fest gepackt hatte. Und nicht nur ich hatte davor Angst. Seit diesem Zeitpunkt gingen sämtliche Klassenkameraden, selbst meine „Freunde“, auf Abstand, wenn ich offensichtlich mies gelaunt war. Selbst in der zehnten Klasse noch. Es tat weh. Manchmal hätte ich gerade da jemanden gebraucht, der mich aufmunterte.

Erst Jahre später begriff ich, dass ich damals einen Overload, vielleicht sogar einen Meltdown gehabt haben musste. Meltdowns sind mir als solche nicht unbekannt. Aber meistens kann ich die Aggressionen im Zaum halten. Wenn nicht, kommt es zu Selbstverletzungen. Und doch bleibt die Angst, dass es irgendwann nicht mehr dabei bleiben wird.

Übrigens kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich dafür bestraft worden wäre, dem Jungen den Zahn ausgeschlagen zu haben. Man begriff wohl damals schon, dass es nicht meine Absicht gewesen war. Dass ich einfach nur hatte Fliehen wollen. Und Mal ganz ehrlich. Die Schuld an diesem ausgeschlagenen Zahn trugen wohl eher die Mobber. Oder?

2 Gedanken zu „Bin ich gefährlich?

  1. Aber selbst, wenn du dich ’nur‘ aus Angst gewehrt hast und ggf jemanden dabei verletzt hast, lag es an der Angst und nicht daran, dass du wen weh tun wolltest. Denn es gibt drei natürliche Reaktionen auf Angst:

    > Flucht
    > Kampf
    > Schockstarre

    Und warum sollte man wen bestrafen, der aus Angst und damit dann nach seinen Instinkten handelt? Das es so gelaufen ist, da trifft dich keine Schuld, ganz wie du schreibst, das ist die Schuld der Mobber gewesen.

    1. Du bist das, Yanthara, oder? 🙂

      An sich hast du schon Recht. Nur sehen das Lehrer zu gerne anders, weil sie es entweder nur aus den Schilderungen anderer Kinder bewerten können, oder kein Verständnis haben 🙁 Und da hat sich aus der Grundschule folgendes festgesetzt; „Sobald du zuschlägst, wirst du als böse angesehen. EGAL, welchen Grund es auch dafür gab.“ Zugegeben, in der Grundschule habe ich eher „bewusst“ zugeschlagen als in dieser Situation, aber ebenfalls immer um mich zur Wehr zu setzten. Das ist immer noch da. Mit ein Grund, wieso ich mich bei drohendem Overload schon gar nicht vor die Tür traue.

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