Diagnostik, Klappe die erste

Oder auch „Grundschule, Klappe die zweite“

Nach der Trennung meiner Eltern kam ich mit der zweiten Klasse an eine neue Schule. Mit furchtbar vielen Umstellungen. Das Aufstellen auf dem Schulhof gab es nicht mehr. Genauso wenig wie die vielen Kinder mit Migrationshintergrund. Von einer städtischen, katholischen Grundschule in der Großstadt wechselte ich auf eine Gemeinschaftsgrundschule in einer „Kleinstadt“ (es ist streng genommen keine, aber wenn sich die meisten Einwohner auf umliegende Dörfer verteilen?).

In gewissen Sinne hatte ich Glück, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt neu in die Klasse zu kommen. Mit mir zusammen waren es noch zwei andere Kinder. Und somit wurde auch ein Förderunterricht organisiert, um uns nebenbei noch die Schreibschrift beizubringen, die die anderen Kinder schon beherrschten. Wir anderen schrieben zu dem Zeitpunkt aber alle noch Druckschrift.

Mein Pech aber war, dass mein Fehlverhalten plötzlich sehr viel stärker ins Gewicht viel. Meine neue Klasse war sehr viel ruhiger als die alte. Und somit fiel ich natürlich auf. Gleichzeitig aber stimmten meine schulischen Leistungen nach wie vor. Vielleicht war es das, was meine Grundschullehrerin stutzig werden ließ. Sie war durch ihre eigenen Kinder in Bezug auf Behinderungen im Allgemeinen sensibilisiert. Da saß ein zu groß geratenes Kind, dass sich kaum an Regeln hielt, fast ständig irgendwelche Bilder malte und trotzdem im Stoff gut mitkam. Jedenfalls empfahl sie noch innerhalb des ersten Jahres meiner Mutter, mit mir zum Kinderpsychologen zu gehen. Verdacht; Hochbegabung.

An das, was darauffolgte, kann ich mich heute nicht mehr wirklich erinnern. Ich erinnere mich grob an eine zweite große Untersuchung, die mir als Kind irgendwie so vorkam wie die Vorschuluntersuchung. Soweit ich mich erinnere, begriff ich aber den Sinn dahinter nicht. Und das Ergebnis dieser Untersuchung erfuhr ich ebenfalls nicht. Meine Mutter aber wurde erstmalig mit einem Begriff konfrontiert; Asperger-Syndrom. Es war das Jahr 2000. Ich war acht Jahre alt.

Meine Mutter versuchte zu verstehen, was mit mir „nicht stimmt“. Nur drang das Thema damals auch gerade erst langsam in die Öffentlichkeit. Bücher über Autismus, und speziell das Asperger-Syndrom, waren rar. Erfahrungsberichte von erwachsenen Asperger-Autisten fehlten. Eines war aber für sie klar; Sie wollte mich so normal wie möglich aufwachsen lassen. Inmitten der Gesellschaft, nicht abgeschoben in irgendwelche Sonderwelten. Genau deshalb erfuhr ich die damalige Diagnose auch erst einmal nicht.

Auch für mich an der Schule änderten sich einige Dinge. Natürlich, benehmen musste ich mich. Das Prügeln wurde mich im Laufe der Grundschule erfolgreich ausgetrieben. Ohne jedoch, dass man mir irgendein anderes Mittel zur Verteidigung gegen das ständige Mobbing gab. Ich fühlte mich meiner einzigen Waffe beraubt. Manchmal wurde ich aus dem Unterricht geholt und landete bei der Sonderpädagogin unserer Schule. Was ich da sollte, verstand ich ebenfalls nie. Die anderen Kinder dort hatten alle Lernprobleme. Die hatte ich nicht! Als irgendwann der Förderunterricht für alle Kinder verpflichtend wurde, war ich in der Gruppe, die keine Lerndefizite aufwies.

Was ich ebenfalls nicht mitbekam, war eine große Frage in der vierten Klasse; Auf welche weiterführende Schule schickt man eine Asperger-Autistin? Niemand wusste da weiter. Man wollte mich schon auf die Walddorf-Schule schicken. Dort sei ich schließlich in einem geschützten Umfeld. Das aber wollte meine Mutter nicht. Immerhin würde ich dann später nur umso heftiger auf die Nase fallen, wenn ich ins „normale“ Berufsleben käme. Meine Leistungen nach hätte ich eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten. Doch davor schreckten alle zurück. Vor allem meine Mutter hatte Angst, dass ich mit dem dortigen Stress nicht klarkommen würde (sie selbst war am Gymnasium gewesen) und bei einem Scheitern direkt auf der Hauptschule landen würde. Ich bekam einen Schock, als man mir in der Schule ein Infoheft für die Hauptschule in die Hand drückte. So schlecht war ich doch nicht! Meine Mutter bemühte sich schließlich um einen der in unserer Stadt damals sehr begehrten Realschulplätze. Mit Erfolg. Und mit einem Schulleiter, der in meiner Diagnose kein Problem sah. So wechselte ich nach der vierten Klasse auf eben diese Realschule.

Von der Einstellung der Lehrer her, sollten das die besten Jahre meiner Schullaufbahn werden. Und die schlimmsten in Bezug auf die Mitschüler.

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