Archiv für den Monat: Mai 2017

Hose, Pulli, T-Shirt, Rock …

und dann noch all die Farben!

Die Tage stand ich einmal mehr in einer Ecke meiner Wohnung und wusste nicht weiter. Weil 30°C angekündigt waren, wollte ich ein relativ neues Oberteil anziehen. Meine Mutter hatte mir es spontan geschenkt. Es war ein bordeauxrotes, ganz leicht durchsichtiges und locker sitzendes T-Shirt. An heißen Tagen einfach ideal, weil jeder Luftzug an die Haut kommt. Aber was sollte ich dazu anziehen? Die schwarze dreiviertel-Hose schien mir ungeeignet. Zu warm. Und so stand ich da und rätselte, ob ich die grüne oder braune Hose anziehen sollte, oder es doch wagen sollte einen blauen oder cappuchinofarbenen (oder war es irgendein anderes Lebensmittel? … hellbraun halt) knielangen Rock anzuziehen. Nur, dass die Haut knapp unter meinen Knien Mal wieder furchtbar gereizt und pickelig war …

Letztendlich wurde es die braune Hose.

Solche Probleme habe ich übrigens regelmäßig. Ich habe kein gutes Gefühl dafür, verschiedene Kleidungsstücke miteinander zu kombinieren. Farben geht schon ein klein wenig besser, aber nur auf Bildern. Da spielt immerhin auch nur mein Farbempfinden eine Rolle, nicht das der anderen. Einen eigenen Kleidungsstil habe ich tatsächlich auch erst in den letzten Jahren entwickelt. Vorher habe ich einfach alles wild aus dem Schrank gegriffen. Die Entscheidung viel rein nach dem Wetterbericht. In der Folge kamen aber teils merkwürdige Kombinationen zu Stande. Und was bei Männern nebensächlich scheint, fällt bei einer jungen Frau nur umso stärker auf … Als Kind wurde ich auch oftmals aufgrund meiner Kleidung gemobbt.

Irgendwann bin ich dazu übergegangen, mit für meine Kleidungsstücke feste Kombinationen zu überlegen. Solche, wie ich sie ähnlich auch im Alltag sehe oder nach Regeln, wie ich sie mir im Internet aneignete. Farbe immer mit „Nichtfarbe“. Verschiedene Farben kombiniere ich so gut wie gar nicht. Dazu gibt es nie lange Ärmel mit kurzen Beinen, weil mir das widersprüchlich vorkommt. Muster gibt es bei mir so gut wie nicht und hat es auch immer kaum gegeben. Fast alles in meinem Schrank ist einfarbig. Maximal ein leichter Farbverlauf in der Wolle einiger handgestrickter Pullover. Aufwendige Schnitte ebenso wenig. Überhaupt trage ich lieber „einfache“ Sachen. Die sind leichter zu kombinieren.

Als Kind war ich auch sehr empfindlich, was Stoffe anging. Alltagskleidung war mir meist zu starr, kratzig und deshalb einfach unangenehm. Wenn man mich gelassen hätte, wäre ich den ganzen Tag lang im Schlafanzug herumgelaufen. Der war schön weich und bequem. Im Laufe der Jahre hat sich das aber irgendwie verloren …

Accessoires existieren wiederum gar nicht. Schmuck habe ich nie leiden können. Ich hasse das Gefühl von kaltem Metall auf der Haut. Teilweise ekel ich mich sogar vor feingliedrigem Metall. Dasselbe gilt übrigens für die ganz kleinen Pfenning bzw. inzwischen Centmünzen. Deshalb sind für mich auch schon Metallverschlüsse unangenehm. Haarklammern machen mich rasend, weil ich sie ständig am Kopf wahrnehme. Eine Zeit lang trug ich welche, hatte mich nach einiger Zeit dran gewöhnt. Aber nach einer längeren Pause ist das Problem mittlerweile genauso wieder da. Einzige Ausnahme ist ein aus glatten Fäden gehäkelter Armreif, der aber auch eher dem Stimming als irgendetwas anderem dient (und eigentlich wollte ein Freund mir noch welche häkeln?). Neuerdings auch zwei dünne Loop-Schals, die mir meine Mutter gestrickt hat. Sehr hilfreich beim Gefühl, der Ausschnitt könnte doch etwas zu tief sein 😉

Und kommt mir bloß nicht mit Schuhen! Die sind überwiegend schwarz. Einmal grau, einmal beige, einmal blau. Aber was da noch alles gesagt wird, was mit was geht, da verzweifle ich doppelt und dreifach dran. Das beginnt schon schlicht damit, dass ich mit Schuhgröße 46 (!!!) gestraft bin. Welche Schuhverkäufer denkt schon ernsthaft daran, dass Frau so große Füße haben kann? Entsprechend lief ich auch über Jahre nur in Turnschuhen herum, bis ich es eines Tages absolut leid war. Mittlerweile trage ich am liebsten Stiefletten (also Stiefel mit kurzen Schaft) mit 5cm Absatz. Hätte man mir das vor ein paar Jahren erzählt, hätte ich wahrscheinlich lauthals mit „Niemals nie!“ protestiert. Aber eine Knochenfehlstellung im Fuß, wegen der ich eigentlich Einlagen tragen müsste* und mittelfristig auf flachen Schuhen immer Schmerzen verursacht, lässt sich damit ganz gut im Zaum halten. Und bei Schuhen gibt es auch wieder so unzählige „Regeln“, welchen Schuhe man jetzt mit welchem Rock oder welcher Hose kombinieren dürfte. Nur will und kann ich mir mit den Voraussetzungen da wirklich nicht auch noch einen Kopf machen.

Wirke ich halt etwas eigenwillig, was meinen Kleidungsstil angeht …

 

 

* Bitte nicht nachmachen. Ich bekomme nur einfach keinen Kontakt zum Orthopäden, deshalb nach wie vor diese Übergangslösung …

Kleine Info: Das wird vorerst der letzte Mittwoch-Beitrag sein. Zwei Beiträge pro Woche sind auf Dauer schlicht zu viel ^^‘ Ich habe ja auch noch ein Studium, was beendet werden will, also seid mir bitte nicht böse 🙂

 

Schimpf, Schande und Memes

Heute wieder Mal ein Beitrag, der auf eine Begebenheit auf Twitter zurück geht.

Es begann alles mit einer Bitte: „Autismus-Spektrum-Störung (nicht mit Autismus verwechseln)“

Was diese Aussage jedoch ein wenig absurd macht; Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und Autismus bezeichnen ein und dasselbe. ASS ist nur der neuere Begriff, bei dem die klassische Unterscheidung zwischen Kanner-, Asperger- und atypischen Autismus aufgehoben wird. Die Bitte kam übrigens von einer Person der Nahe gelegt wurde, sich auf Autismus testen zu lassen, also einem Verdachts-Autisten. Wie kommt aber ein Verdachts-Autist darauf, Autismus von ASS differenzieren zu wollen?

Es folgten ein paar Tweets, ein paar hektische Blocks. Das ist jetzt auch nicht weiter wichtig. Später dann schrieb ich noch mit dem Twitterer. Dabei erfuhr ich auch den Grund für diese Aussage; Die im Internet weit verbreiteten und als witzig erachteten (nicht von ihm!) Autismus-Memes. Er wollte schlicht nicht mit dem dadurch dargestellten Bild gleichgesetzt werden.

Ich bin ihm da nicht böse für. Denn das Problem liegt meiner Meinung nach eindeutig wo anders.

Genau solche Begebenheiten zeigen was für ein riesiges Problem es ist, dass „Autismus“ und viele damit zusammenhängende Begriffe im Netz als Schimpfwörter verwendet werden und in Memes mit allerlei negativen Eigenschaften gleichgesetzt werden, die absolut nichts mit Autismus zu tun haben! Es wird als Synonym zu „Du bist doof“ gebraucht. Wie sollen wir Autisten bei einem solchen Gebrauch des Namens für unsere Problematik jemals ernst genommen werden? Wie sollen wir uns trauen mit unseren Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen und selbst laut zu werden, wenn wir im Sprachverständnis anderer uns selbst als „doof“ und so einiges mehr betiteln, wenn wir unsere Diagnose nennen? Und natürlich leidet einmal mehr das Selbstwertgefühl so manchen darunter …

Gerade das heutige Erlebnis macht die Problematik überdeutlich. Wir sind so weit, dass Verdachts-Autisten sich von den eigentlich korrekten Begriffen abgrenzen, um nicht mit dem falschen Bild in Verbindung gebracht zu werden. Wie lange wird es da noch dauern, bis man uns alle dazu zwingt, uns selbst unzubenennen? Obwohl es hier um Begriffe geht, die viele von uns selbst für uns gewählt haben. Es kann und darf so nicht weitergehen.

Jedes Mal wenn ich lese „Autismus kickt“, kommt mir die Galle hoch. Wegen all der Ignoranz, die uns in dem entgegenschlägt. Unsere Problematik, unser Leiden wird von jedem einzelnen, der den Begriff „Autismus“ derart missbraucht, mit Füßen getreten. Und kaum jemand kümmert sich darum …

Wie lange soll das noch weiter gehen?

Kommunikationskreise

Mit der Kommunikation ist das bei mir so eine Sache. Als Autistin bekomme ich die meisten unterschwelligen Botschaften nicht mit. Gestik, Mimik, Tonfall; Das alles ist bei mir nur mit reichlich Übung zu interpretieren, und dann auch nur bei der betreffenden Person. Aber selbst bei meiner Mutter passieren mir da noch schnell Fehler. Selbst bei ihr muss ich oft nachfragen, was dies oder jenes zu bedeuten hat. Bis ich das tatsächlich tat, hat es ebenfalls Jahre gedauert.

Folglich kann ich mich einzig und allein auf Worte verlassen.

Deshalb kommuniziere ich am liebsten schriftlich. Im Chat oder per E-Mail. Aber selbst da gibt es Einschränkungen.

Je nachdem, wie gut es mir geht, kann ich nur mit bestimmten Personen kommunizieren. Wenn ich super drauf bin, gibt es keinerlei Einschränkungen. Ich schreibe einfach mit allen. Unbekannten, kaum Bekannten, ich gehe vielleicht sogar bewusst in Konflikte rein.

Wenn ich aber nun nicht super drauf bin, beginnt sich dieser Kreis zu reduzieren. Ich gehe dann definitiv nicht mehr in Konflikte. Nachrichten an Unbekannte und kaum Bekannte müssen gegengelesen werden, sonst versende ich sie nicht. Mit besser bekannten Menschen kommuniziere ich aber weiterhin uneingeschränkt.

Je schlechter es mir aber geht, desto weiter reduziert sich dieser Kreis. Im extremsten Fall sind es nur noch drei bis vier Personen, mit denen ich überhaupt noch sprechen kann und die entsprechend dann auch für mich mit anderen Personen sprechen müssen. Das sind dann zumeist Personen, zu denen ich ein sehr starkes Vertrauensverhältnis habe. Am letzten Punkt kann ich dann mit niemanden mehr sprechen. Ich könnte zwar, aber es ist zu anstrengend geworden.

An sich gelten diese Regeln genauso in der verbalen Kommunikation (vorausgesetzt, ich verliere nicht vorrübergehend die Fähigkeit überhaupt zu sprechen). Nur lassen sie sie sich dort weniger leicht umsetzen. Im schriftlichen Bereich entscheide ich schließlich selbst, wann ich antworte. Im verbalen wird aber meistens sofort eine Antwort verlangt. Und schon alleine zu sagen „Ich will jetzt nicht sprechen“ wird von manchen nicht akzeptiert oder in der Situation, wie zum Beispiel eine Besprechung, nicht umsetzbar. Es ist generell für andere sehr schwierig zu verstehen, was in mir dann vorgeht. Dabei ist es schlicht so, dass ich meine immer vorhandenen Probleme dann einfach nicht mehr überspielen kann. Es ist zu anstrengend.

Das ist natürlich nur ein Beispiel von vielen, wo ein wenig mehr Verständnis sehr hilfreich wäre. Wenn man die fehlende Kommunikation nicht sofort als Unhöflichkeit auffasst, sondern als das was es ist; Eine akute Überforderung.

 

Seht nicht nur die Defizite!

Ehrlich gesagt hatte ich überlegt, den Mittwoch-Beitrag diese Woche ausfallen zu lassen. Ich bin zu müde, zu erschöpft. Aber woher kommt es überhaupt, dass ich so erschöpft bin? Wenn ich so darüber nachdenke, läuft das meiste auf genau ein Problem hinaus; Die ständige Beschränkung der Sicht auf die Defizite der Autisten.

Man schaue sich einmal in der Welt der Medien um. Die Autisten in Serien möchte ich gar nicht Mal mit betrachten; Sie sind überladen von Klischees und stellen so gut wie nie einen „echten“ Autisten da. Was nicht gerade hilfreich für die Aufklärung ist. Wie oft wird „Rain Man“ als Beispiel für einen Autisten herangezogen? Die Figur Rain Man ist erstens Mal nicht als Autist ausgelegt, und überdies auch kaum zutreffend. Trotzdem gibt es noch zu viele Vergleiche. Aber das ist ein anderes Thema.

Worauf ich viel eher hinaus wollte, sind Berichte und Dokumentationen, welche sich mit Autismus beschäftigen. Produziert von Nicht-Autisten für Nicht-Autisten. Und ich kenne nur wenige Beispiele, wo tatsächlich Mal gezeigt wird, wie normal Autisten leben können. Wobei, wenn ein Autist etwas „normales“ schafft, heißt es zu oft „trotz Autismus“. Wieso denn immer trotz? Es suggeriert doch irgendwo, dass wir Autisten kaum etwas können. Weil wir Autisten sind.

Ich meine, natürlich haben wir Defizite. Unsere Diagnose basiert auf Defiziten. Es wäre dumm, die Defizite einfach auszublenden. Das würde letztendlich auf ein „Stell dich nicht so an“ herauslaufen und nur noch mehr Stress verursachen. Aber Autisten als Menschen voller Mängel, und nur Mängeln, zu sehen, ist wenigstens genauso schädlich. Wessen Selbstbewusstsein verkraftet es schon, immer und immer wieder gesagt zu bekommen „Du wirst das nie können!“. Wer würde angesichts einer Arbeitslosenquote von 80% keine Angst bekommen, dass einem dasselbe Schicksal wiederfährt?

Gebt uns doch die Chance zu zeigen, dass wir etwas leisten können!

Nochmal zurück zu dem, wieso ich das hier eigentlich schreibe. Wie gesagt, ich bin müde und kaputt. Vor allem, weil ich mir in meiner Arbeit als Praktikantin und wissenschaftliche Hilfskraft zu viel abverlange. Und das noch nicht Mal von Seiten der Uni her. Das Problem bin ich selbst, die unbedingt alles sofort fertig haben will und sowieso den besten Eindruck machen, der überhaupt möglich ist. Was immer das auch bedeuten mag. Mir fehlt das Maß, deshalb übertreibe ich. Arbeite viel zu viel, obwohl ich dringend Pausen bräuchte. Weil ich das Gefühl habe, mich unbedingt beweisen zu müssen. Zu zeigen, wie gut ich trotz Autismus (!) bin. In der Hoffnung, dass ich bleiben darf. Darüber hat niemand gesprochen. Mein Betreuer beginnt mich in letzter Zeit immer häufiger zu bremsen. Nur kann ich einfach nicht auf ihn hören … Und obwohl ich immer wieder dazu ermutigt wurde, spreche ich Probleme mit meinen Bedürfnissen aus Autistin nicht an. Aus Angst, dann wieder nur als Behinderte gesehen zu werden, die nichts kann.

Deshalb würde ich mir folgendes wünschen; Dass in Praktikum und Arbeit andere (Nicht-Autisten) mit aufpassen, dass man nicht übertreibt. Dass einem mit aller Deutlichkeit gesagt wird „Du musst das nicht bis nächste Woche machen. Das würde ich von niemanden verlangen“ oder ähnliches. Wenn man wie ich auch nicht weiß, wie viel die anderen in ähnlicher Position machen, fehlt einem einfach das Maß.

Und vor allem eines; Dass junge Autisten heute ein gesünderes Selbstbewusstsein entwickeln, als ich es habe. Dass ihnen ein Bild von Autismus vermittelt wird, dass die Stärken wenigstens genauso stark hervorhebt wie die Defizite. Damit sie nicht in die Falle laufen irgendwann zu denken, unter allen Umständen noch sehr viel mehr leisten zu müssen, um die Defizite um jeden Preis auszugleichen.

 

Ich verstehe es nicht

Wie gesagt habe ich es schlicht satt, ständig still daneben zu sitzen und nichts zu tun, wenn es um die Aufklärung über Autismus geht. Oder auch still mit anzuschauen, wie Autismus immer und immer wieder im falschen Kontext verwendet wird. Wer darüber etwas mehr lesen will, findet hier eine sehr schöne Auflistung von weiterführenden Artikeln.

Seit einiger Zeit bin ich auf Twitter aktiv. Länger, als dieser Blog hier existiert. Und kurz bevor dieser Blog entstand, habe ich meinen vormals geschützten Account auf Twitter öffentlich gemacht. Damit ich eben mitreden kann und nicht nur das Handvoll Follower meine Meinung einsehen kann.

In den ganzen Monaten habe ich immer wieder eine Verhaltensweise beobachtet; Auf Twitter verwendete einmal mehr jemand den Begriff „Autismus“ falsch. Meistens ging es schlicht um Ignoranz, falsche soziale Verhaltensweisen, Überheblichkeit … die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Derjenige wurde dann auf die falsche Verwendung hingewiesen. Jetzt möchte man eigentlich erwarten, dass der Verfasser den Fehler einsieht und sich entschuldigt. Weit gefehlt!

Tatsächlich war ich heute (zum zweiten Mal) selbst an einer solchen Aktion beteiligt. Ganz sachlich gab ich den Hinweis, dass die Betitelung von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen mit einer medizinischen Diagnose denjenigen schadet, die diese Diagnose tatsächlich haben. Genauer gesagt dadurch, dass man die Diagnose in der Folge immer negativ belegt, womit auch diagnostizierte durch die Allgemeinheit immer negativ gesehen werden. Das ist nicht gerade förderlich wenn man darum kämpft, nicht nur all „vollkommen beschränkter Sonderling“ gesehen zu werden oder auch schlicht um die Akzeptanz der Problematik. Was passierte? Da ich nicht allein gegen diese Formulierung vorging, wurde ich einfach Mal gesperrt (nicht vom Verfasser, sondern von einem Bekannten, der die Formulierung zu verteidigen versuchte). Einzig und allein für einen sachlichen Hinweis!

Dieses Mal kam es aber noch „besser“. Der eigentliche Verfasser stellte sich zudem noch selbst als Asperger-Autist heraus! Wir hatten hier also plötzlich jemanden aus den eigenen Reihen, der den Begriff missbräuchlich verwendete. Das mag vorkommen können, wenn die Autisten selbst diese negative Verwendung gewohnt sind. Aber anstatt den Fehler einzusehen, wurden die anderen Autisten angegriffen. An dieser Stelle hört mein Verständnis auf. Ich verstehe nicht, wie man den Begriff selbst so negativ verwenden kann. Insbesondere als selbst Betroffener, der sich nicht als behindert bezeichnet wissen will und von einer diagnostizierten „Spezialisierung“ spricht. Wie soll das zusammenpassen? Letztendlich entbrannte ein heftiger Streit zwischen dem Verfasser und anderen Autisten. Weiter darauf eingehen werde ich darauf hier nicht.

Wie schon gesagt, ich verstehe es schlicht nicht. Wir müssen so viel kämpfen. Unsere Diagnose wird als Metapher für allerlei Fehlverhalten missbraucht. Sogar als Schimpfwort verwendet man es. Ohne, dass es gesellschaftlich die Ächtung erfährt, die es erfahren sollte. Aber selbst wenn man sich zu Wort meldet, wird man weiter beschimpft oder das Problem klein geredet. Man verteidigt sich nur, und wird selbst als Aggressor dargestellt. Wie gesagt, ich verstehe es nicht.

Und deshalb zum Abschluss eine bitte; Passt auf, wen oder was ihr als autistisch bezeichnet und wobei ihr den Begriff verwendet! Alles abseits von Diagnose und tatsächlich betroffenen Autisten ist schlicht und ergreifen falsch und schadet uns! Und wenn ihr euch traut, sprecht die Menschen auf die falsche Verwendung an! Auch wenn sie es wohl selten einsehen werden. Doch das kann kein Grund sein, es einfach stillschweigend zu akzeptieren.

 

Anmerkung; Während ich das hier schreibe, geht die Auseinandersetzung auf Twitter weiter …

Aktualisierung: Um fair zu bleiben; Zumindest der Bekannte hat es letztendlich eingesehen, dass etwas falsch gelaufen ist und möchte in Zukunft darauf achten, den Begriff im richtigen Kontext zu verwenden. Also zumindest heute ein zum Teil positiver Ausgang 🙂

Eine Welt voller Lärm

Eigentlich wollte ich vor ein paar Tagen nur einen Routinebesuch (Routine im Sinne der „üblichen Angelegenheit“, keine meiner notwendigen Alltagsroutinen) hinter mich bringen. Frei nach dem Motto; Einmal bitte Ohren durchspülen. Mein Gehörgang sind nicht ganz so gut gewachsen, weshalb sich der Schmalz sammelt und alle 1,5 bis 2 Jahre den Gehörgang ganz verschließt. Dabei wurde jetzt jedoch auf dem einen Ohr eine Ohrenentzündung festgestellt. Alles, was ich davon körperlich merke, ist ein leichter Druck auf dem betroffenen Ohr.

Wieso schriebe ich hier aber über eine simple Ohrenentzündung, und dann noch unter der Kategorie „Autismus“?

Ganz einfach; Als Sofortbehandlung stopfte mir die Ärztin einen mit Salbe getränkten Gaze-Streifen ins Ohr. In der Folge konnte ich auf dem Weg von der Innenstadt zur meiner Wohnung meine Kopfhörer nicht benutzen, um wie üblich Musik zu hören. Was jetzt nach Leuten klingt, die schon mal blindlinks vor Bahnen und Autos laufen, ist für mich eine absolute Notwendigkeit und keine bloße Bequemlichkeit. Verzichte ich auf die Kopfhörer, bin ich innerhalb kürzester Zeit extrem erschöpft. So wie auch an diesem Tag. Eine halbe Stunde Fahrt, und ich musste den für 16 Uhr angesetzten Termin in der Universität absagen. Kommunikation, oder auch schon bloßes Denken, waren im Anschluss ein furchtbarer Kraftakt.

Den Grund dafür kenne ich leider nur allzu genau. Als Autistin verarbeite ich Reize anders, als es die meisten NT (= Neurotypische, also Nicht-Autisten) tun. Am deutlichsten ist das bei mir beim Hören ausgeprägt. Nicht nur, dass ich auch noch sehr leise Töne wahrnehme. Gleichzeitig nehme ich zu viel war, um nicht zu sagen alles. In der vollbesetzten Mensa einem Gespräch zu folgen, verlangt von mir enorme Konzentration. Denn die Gespräche der Menschen um mich herum nehme ich mit derselben Intensität war, wie die meiner Sitznachbarn. In Vorlesungen höre ich das Wispern von Kommilitonen ebenso deutlich wie die Stimme des Dozenten. Apropos Dozenten. Wenn dieser zu laut spricht, kann das bei mir furchtbare Kopfschmerzen oder sogar einen Overload auslösen. Zumindest, so lange ich nicht weit genug von diesem Weg sitze. Das Geräusch von Staubsaugern, Rasenmähern und Bohrern ist für mich generell unerträglich. Da hilft nur die Flucht, da die Kopfschmerzen hier schon innerhalb von 5 Minuten einsetzten und ein Overload ebenso schnell beginnt.

Das alles macht den Alltag außerhalb meiner Wohnung für mich enorm anstrengend. An langen Unitagen zog ich mich häufig auf die Toilette zurück, um wenigstens für eine halbe Stunde Ruhe zu haben und abschalten zu können. Zudem kommt es immer wieder zu der ein oder anderen „kleinen“ Panne. Wenn ich an einer Tür klopfe, „überhöre“ ich meistens die Antwort aus dem Zimmer. Selbst, wenn sich eine Gruppe ein Stockwert unter oder über mir unterhält. Ebenso verstehe ich oftmals fremde Leute nicht, die mich mitten auf einer belebten Straße ansprechen. Wenn ich eine Stimme nicht gut kenne, kann ich sie aus dem Lärm schlicht nicht herausfiltern.

Wie aber übersteht man den Alltag, wenn man derart empfindlich auf Geräusche reagiert? Genau an dieser Stelle kommen die Kopfhörer ins Spiel. Denn auf Musik reagiere ich weniger. Bei Musik, die mir gefällt, verdreht es sich sogar ins Gegenteil. Besonders komplexe Musikstücke blenden alle anderen Geräusche aus und beruhigen mich. Deshalb bin ich im Alltag so gut wie immer mit Musik auf den Ohren unterwegs. Meist Klassik (in Form von Soundtracks) oder Symphonic Metal. Ausnahmen gibt es nur, wenn ich mit anderen Personen interagieren muss; Wie etwa an der Supermarktkasse oder bei einer Fahrkartenkontrolle. Aber das hat auch eher mit anerzogenen gesellschaftlichen Regeln zu tun. Besser wäre es für mich, die Musik auch dabei weiter laufen zu lassen.

Natürlich funktioniert das auch nicht immer. In Vorlesungen würde es eher ablenken, genauso wie beim Einschlafen. Dafür habe ich dann Ohrstöpsel. Aktuell noch etwas zu dicke Standard-Stöpsel, aber langfristig werde ich mir wohl speziell angepasste zulegen. Das Problem ist nur, dass die Ohrstöpsel die Geräuschkulisse immer nur reduzieren, nicht wie die Musik so gut wie vollständig überdecken. Folglich ist das für mich immer nur eine Überganglösung. Wenn ich einmal in einer Vorlesung auf die Ohrstöpsel zurückgreifen muss, halte ich auch meistens nur noch für den Rest der Veranstaltung durch und muss im Anschluss nach Hause. Natürlich wieder mit Kopfhörern und Musik!

Ach, das mit der Musik hat auch einen vielleicht unerwarteten Nebeneffekt; Ich kann auf Konzerte gehen! Zwar nur auf die von zwei Bands, aber ich kann es. Obwohl ich trotzdem niemals allein dorthin gehen würde. Tatsächlich aber habe ich diesen Rausch zu Beginn eines Konzerts zu lieben gelernt. Der Moment, in dem die Band anfängt zu spielen und alle im Saal zu ein und demselben Lied singen und tanzen, das in einer alles überdröhnenden Lautstärke ertönt. Beim ersten Mal (einem Konzert der Symphonic-Metal Band Nightwish) hatte ich Tränen in den Augen und fand meine Stimme auch erst relativ am Ende zu „Storytime“ wieder. Einer der höchst seltenen Momente, wo mein Autismus keine Rolle mehr spielt.

Und hätte jemand eine Autistin auf einem Metal-Konzert erwartet? 😉