Grundschule, Klappe die erste

In meiner Kindheit hatte es kaum Hinweise darauf gegeben, dass ich autistisch sein könnte. Die meiste Zeit hatte ich eher weniger mit anderen Kindern zu tun. Zudem war meine Familie, bis ich in die Schule kam, schon dreimal umgezogen. Zwischenzeitig lebten wir auch in einem anderen Bundesland. Zwar bemerkten einige Verwandte, dass ich auf eine gewisse Weise anders war. Benennen konnte diese Andersartigkeit aber niemand.

Wo ich dann mit fast sieben eingeschult wurde (ein Umstand, der meinem Geburtstag im September geschuldet war), hatte ich schon so etwas wie einen Freundeskreis. Auch wenn die tatkräftige Unterstützung meiner Mutter da wohl nicht unerheblich war.

In die Schule kam ich aber allein. Zwei meiner Freundinnen waren schon längst eingeschult worden und gingen in die zweite und dritte Klasse. Eine weitere würde erst nächstes Jahr an die Schule folgen.

Meine erste Schule kommt mir auch heute noch immer ein wenig seltsam vor. Wenn der Schulgong ging, hatten wir uns auf dem Schulhof aufzustellen. In Zweierreihen, an der zur eigenen Klasse zugehörigen Markierung. Die Lehrer erschienen dann am Eingang und winkten uns rein. Im Laufe des Jahres sollte ich einmal beim Toben verpassen, wie meine Klasse ins Gebäude ging. Als ich dann zu den Lehrern ging, wollten die mich zu den Viertklässlern schicken. Was natürlich allein meiner Körpergröße geschuldet war.

Ich kam damals in eine sehr bunte, und vor allem laute Klasse. Für mich war das Segen und Fluch zugleich. Unter all den anderen Kindern, die sich nicht benahmen und zudem nicht gut im Stoff mitkamen, fiel mein eigenes Fehlverhalten nicht allzu stark ins Gewicht. Immerhin waren bei mir die schulischen Leistungen gut. Da konnte man sich ruhig erst einmal um die anderen kümmern. Also kippelte ich weiter auf meinem Stuhl und faltete Unmengen an Papierbooten. Nur fiel dadurch natürlich nicht auf, dass ich Autistin war.

Obwohl es sozial natürlich nicht rosig aussah. Innerhalb meiner Klasse knüpfte ich eine lose Freundschaft. Draußen war ich dann eher mit meinen Freundinnen aus dem Kindergarten unterwegs. Als ich einmal die aus der zweiten Klasse nach ein paar Wochen nicht finden konnte, stand ich heulend auf dem Schulhof. Ich wusste (oder begriff) schlicht nicht, dass sie krank zu Hause im Bett lag. Insbesondere ein Mädchen aus der Vierten kümmerte sich an dem Tag um mich. Und zu Hause erzählte ich dann stolz von der „Freundin, die ich nicht kenne“. Mein siebenjähriges Ich wusste den Namen nicht, also kannte es die Freundin nicht. Aber in den Klassenverband schaffte ich es nie.

Viel schlimmer aber waren die ständigen Hänselleien. Ich hatte mich schon im Kindergarten immer wieder mit den Jungs gezofft. Wobei der Streit auch immer von den Jungs ausging. Da ich aber so gut wie immer einen Kopf größer war, schreckte ich selten davor zurück, im Zweifelsfall auch meine körperliche Überlegenheit einzusetzen. Öfter aber floh ich in den Pausen auf die Mädchentoilette. Mein Namensschildchen in der Klasse zerbrach schon innerhalb der ersten Woche. Ein Junge hatte es zerschlagen. Alle anderen Namensschilder standen noch viel länger auf den Plätzen. Ich verstand nicht, wieso ich kein neues Schild bekam. Es war nicht meine Schuld, dass das schöne Schild kaputt war.

Was ich damals ebenso wenig verstand, war der Religionsunterricht. Mir kam es seltsam vor, dass bei „Religion“ gut die Hälfte der Klasse den Raum verließ. Sie wurden dann noch sprachlich gefördert, so hieß es. Durfte man etwa nicht am Religionsunterricht teilnehmen, wenn man sprachlich nicht gut genug war? Vom Islam hatte mein 7-jähriges Ich noch keine Ahnung (wir wohnten damals in einem Stadtteil, in dem verhältnismäßig viele Menschen mit Migrationshintergrund lebten). Genauso wenig von dem seltsamen Ritual, mit dem jede Religionsstunde begann. Aufstehen, komisch herumhampeln, setzen. Irgendwann, nach Wochen, machte ich das herumhampeln einfach mit. Auch wenn ich den Sinn dahinter niemals verstand. Das Bekreuzigen ist einem Kind aus einer evangelischen Familie nicht zwingend bekannt. Die Lehrerin mochte ich ebenfalls nicht. Sie war viel strenger als mein Klassenlehrer. Was ich der Tatsache zuschrieb, dass sie die Klassenlehrerin meiner Freundin aus der dritten war.

So verging mein erstes Schuljahr ohne größere Zwischenfälle. Von einem angeknacksten Armknochen Mitte September einmal abgesehen. Am Ende des Schuljahres sollte sich aber wieder alles ändern. Eines Tages setzten sich meine Eltern mit mir und meinem Bruder zusammen ins Wohnzimmer. Sie würden sich trennen. Wir würden alle wieder umziehen. Für mich, meinen Bruder und meine Mutter hieß das; in eine andere Stadt.

Und somit wechselte ich zur zweiten Klasse hin die Schule.

 

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