Realschule: Wo ist das Problem?

Ich wechselte auf die Realschule mit dem festen Ziel, nach dem dortigen Abschluss aufs Gymnasium zu gehen. Das war von Beginn an der Plan, weshalb es für mich auch kein Problem war, dass ich nicht aufs Gymnasium kam. Womöglich half es mir, dass die Klassenbeste aus meiner Grundschulklasse ebenfalls an die Realschule wechselte (wir sollten da noch ein Jahr in derselben Klasse sein. Dann wechselte sie erneut die Schule).

Ich kam in ein Umfeld, in dem die Lehrer hinter meinem Rücken alle über meine Diagnose informiert waren. Ohne, dass ich selbst eine Ahnung hatte. Meine Mutter hatte den Schulleiter schon angesprochen, bevor sie überhaupt meine Anmeldung einreichte. Ich bekam nur mit, dass ich Gruppenarbeiten durchaus allein erledigen durfte. Was ich aber eher der Tatsache zuschrieb, dass ich allein mit dem Stoff genauso schnell durchkam wie die anderen in den Gruppen. Mit den Lehrern hatte ich insgesamt ein gutes Verhältnis. Selbst mit einigen bei den Schülern unbeliebten. Das größte Problem für mich waren die Mitschüler. Unterricht? Kein Thema.

Was war aber mit Klassenfahrten? Schüleraustauschen?

Was man von manchen Müttern autistischer Kinder hört sollte man meinen, dass die Lehrer sich bei mir stark gewehrt haben. Wenn, dann habe ich davon nichts mitbekommen. In der fünften Klasse machte ich, wie selbstverständlich, die erste Klassenfahrt mit. Es ging in die Eifel, zur „Stärkung des Gemeinschaftsgefühls“. Und tatsächlich fühlte ich mich in dieser einen Woche zum erste Mal so, als würde ich tatsächlich zur Klassengemeinschaft gehören. Kein Mobbing. Man bezog mich in die Aktivitäten mit ein. Aber nur, weil man es musste. Zurück in der Schule war alles wieder wie vorher.

Bezüglich des Pflichtprogramms wäre das der einzige Ausflug gewesen, den ich bis zur Abschlussfahrt in der zehnten hätte absolvieren müssen.

Aber was mache ich? Zu Beginn der achten Klasse melde ich mich für den Schüleraustausch mit Frankreich. Nach gerade einmal einem Jahr Französischunterricht. Niemand hält mich auf. Ich fuhr für zwei Wochen nach Frankreich, ohne dass es dort größere Probleme gegeben hätte. Wenigstens erinnere ich mich an keine. Auch wenn ich sozial ein ziemlicher Trampel gewesen sein dürfte, ohne es jemals böse gemeint zu haben. Beim Gegenbesuch rannte ich zudem aus eigenen Antrieb den Lehrern hinterher, dass auf die Bedürfnisse meiner Brieffreundin geachtet wird. Auf französischer Seite gab es eine Diabetikerin (Typ1). Daher hatte man, mit vorheriger Absprache bei den Eltern, einfach beide Schülerinnen mit Behinderung zusammengebracht. In diesem Fall eine deutsche Autistin mit einer französischen Diabetikerin.

In der neunten Klasse nahm ich an einem einseitigen Schüleraustausch mit Polen tiel, wenn auch in gewisser Weise zusammen mit meinem Bruder.

In der zehnten Klasse fahre ich, wie selbstverständlich, mit auf die Klassenfahrt nach England. Das erste und einzige Mal, dass es auf einer Klassenfahrt von meiner Seite her definitiv Terz gab. Doch auch nur bedingt aufgrund meines Autismus. Immerhin hatten die anderen Mädels mich ohne Diskussion in ein eigenes Zimmer gesteckt. Mit der Begründung, dass die Betten ja so kurz seien und ich mich in das dortige Doppelbett wenigstens querlegen könnte. In England lief ich wegen eines Bruchs der großen Zehe noch mit einem „Klumpfuß“ herum. Einem Spezialschuh, der sämtliches Gewicht auf die Ferse verlagerte. Lange Strecken zu laufen, war da keine gute Idee. Am Ende der Fahrt war mein ganzer Fuß geschwollen. (Und meine Klassenlehrerin schimpfte mit mir, als sie mich in unserem Bungalow ohne den Klumpfuß erwischte. Da ich den aber sowieso nur noch diese Woche tragen sollte, war ich im Haus wieder vorsichtig ohne das blöde Ding unterwegs).

Natürlich funktionierte auch alles so gut, weil ich bei sämtlichen Fahrten und Ausflügen immer eine Bezugsperson hatte. In meiner Klasse gab es eine Gruppe von Mädchen, bei denen ich immer mehr oder weniger mit drinhing. Einige waren schon seit der zweiten Klasse in meinem direkten Umfeld gewesen. In Frankreich war meine damalige beste Freundin aus nächsthöheren Jahrgang mit dabei und ich hatte eine sehr fürsorgliche Gastfamilie. Ansonsten hätte ich mich da auch sicherlich an den Schulleiter halten können, der ebenfalls mit dabei war und mir zu meinem Geburtstag noch ein Geschenk meiner Mutter überreichte, das er mitgenommen hatte. Außerdem gab es stets im Voraus einen Plan, was an welchem Tag stattfinden würde. Auf Dauer hätte ich ein solches Programm natürlich niemals durchgestanden, aber für ein oder zwei Wochen hielt ich es damals schon durch.

Im Übrigen hat sich die Schule niemals damit profiliert, dass ich dort Schülerin war. Obwohl ich dieser Schule das durchaus zugestehen würde.

 

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