Der schlimmstmögliche Fall

Ich bin der Typ Mensch, der sich öfters die unterschiedlichsten Situationen ausmahlt. Zum Beispiel, um mich auf ein wichtiges Gespräch vorzubereiten. Oder potentiell schwierige Situationen. Deshalb umfassen diese Gedankenspiele auch Dinge, die möglichst nicht passieren sollten. Wie zum Beispiel mitten in der Öffentlichkeit in einen Overload zu geraten, den ich nicht mehr unter Kontrolle halten kann.

Einmal ist mir aber genau das beinahe passiert.

Die Vorgeschichte hierzu findet sich auf „Eine Woche am Limit“. Schon aufgrund der zu vorigen, sehr stressigen Tage hatte ich an diesem Morgen kaum noch Kraft. Ausruhen aber konnte ich mich nicht. Der Kater musste zur Oma geschafft werden, damit er in Abwesenheit von P versorgt werden kann. Ich musste noch einige Dinge besorgen, die zwischenzeitig ausgegangen waren. Zurück zum 500km entfernten zu Hause wollte ich dann erst Ende der Woche fahren. P war schon am Vortag als Notfall operiert worden, weshalb ich für diesen Tag keinen richtigen Plan mehr hatte. So viel also zur Ausgangslage …

Ich wusste nicht wann O3 genau auftauchen würde. Er sollte den Kater mitnehmen und mich noch einmal zur Klinik bringen. Irgendwann am späten Vormittag erfuhr ich, dass er nun unterwegs sei. Blieben mir noch etwa 2 Stunden bis zur Abfahrt. Zudem plante ich, zuerst mit O3 noch ein paar Dinge zu besorgen, dann den Kater transportfähig zu machen und zur Klinik zu fahren. Zwischendurch bat ich noch meinen Bruder darum, meinen Termin in der Psychiatrie am Freitag abzusagen. So früh würde ich sicherlich nicht nach Hause kommen.

Der Plan mit O3 zerschlug sich, kaum dass er zur Tür hineinkam. Er wollte zuerst den Kater einpacken, dann die Sachen für den Kater. Zudem schimpfte er über meinen Bruder, dass der den Kater nicht schon mitgenommen hatte. Auch wollte er den Kater in eine einfache Ordnungsbox packen, wenn der nicht in die Transportbox wollte. Zum Glück schaffte ich es, den Kater mit einem Leckerli zu überlisten. Dann wurde alles sehr hektisch, bis wir schließlich mit dem Kater auf der Rückbank im Auto saßen und auf dem Weg zur Klinik waren.

Die Fahrt zur Klinik war alles andere als angenehm. O3 hielt mir große Vorträge, dass ich anders mit Menschen umgehen und sowieso sehr viel entspannter sein müsste. Ich glaube nicht, dass er wirklich begriffen hat, dass ich Autistin bin. Wenn ich Anweisungen gebe (ich musste navigieren), dann kommen die schnell etwas ruppig. Ohne dass es etwas heißen muss. Also ließ ich alles klaglos über mich ergehen und war heilfroh, als ich bei P im Krankenzimmer allein zurückblieb.

Dort blieb ich ebenfalls nicht lange. P war offensichtlich erschöpft und hatte zudem wieder Schmerzen. Dieses Mal von der OP. Also machte ich mich zügig wieder auf. Auf dem Klinikgelände half ich noch einem Rollstuhlfahrer über die Straße zu kommen. Für mich eine Selbstverständlichkeit.

Wieder am Hauptbahnhof. Der nächste Zug ging in drei Minuten. Ich aber hatte Durst. Also ließ ich den Zug fahren und holte mir noch schnell etwas zu trinken. Überall waren Menschen und ich froh über meine Kopfhörer, die mit Musik den Umgebungslärm verdrängten. So konnte ich auch oben am Gleis zwischen all den Pendlern ausharren. Nur war ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber bewusst, dass ich mitten in den Berufsverkehr geraten war.

Der Zug vor meiner Bahn hatte Verspätung. 5 Minuten. Keine große Sache. Passiert so bei der Bahn andauernd. Meine Bahn fuhr gleich drauf ein. Ich suchte mir einen Sitzplatz. Die halbe Stunde Fahrt wollte ich nicht stehen. Es gab keinen. Ich setzte mich einfach auf die Treppe des Doppelstockers. Schön am Rand, um niemanden zu behindern. Nach einem Sitzplatz zu fragen traute ich mich nicht. Wer überlässt schon einer jungen, augenscheinlich gesunden Frau seinen Sitzplatz?

Ich saß da und wartete. Der Zug fuhr nicht los. 5 Minuten, 10 Minuten. Erst nach 15 Minuten fuhren wir los. Jetzt bekam ich Sorgen wegen meines Tickets. Würde ich in der anderen Stadt noch ein neues Ticket kaufen müssen, um überhaupt zur Wohnung durchzukommen? Am nächsten Halt (Flughafen) füllte sich der Zug dann bis zum Rand. Viele hatten Koffer dabei. Ich drückte mich gegen die Wand. Ich war müde. Fühlte mich unwohl in meiner Position. Und wurde zunehmend zittrig. Kopfschmerzen. Ich kannte die Symptome. Beachtete sie aber nicht. Was sollte ich auch hier gegen einen drohenden Overload tun? Außer möglichst laut Musik zu hören.

Kurz vor meiner Station bemerkte ich Gestikulierungen eines Paares mittleren Alters, was zusammen am Flughafen eingestiegen war. Beide hatten Koffer. Die Frau stand leicht hinter mir. Ich nahm den Ohrstöpsel raus und erklärte, dass ich am nächsten Halt ebenfalls raus müsste. Nur dass es mir furchtbar schlecht ginge, weshalb ich jetzt noch nicht aufstehen könnte. Meine Stimme war nur noch ganz schwach. Nächstes Overload-Anzeichen. Den Ohrstöpsel ließ ich draußen. Ich weiß nicht mehr wieso. Vielleicht war das der Fehler.

Der Zug hielt. Ich stand auf und verließ wie alle anderen das Zug. In dem üblichen Gedränge, was am Bahnsteig bei einer Regionalbahn immer entsteht. Doch dieses Mal, nachdem hunderte, tausende Male in gleichen Situationen nicht passiert war, setzte mein Denken aus. Vollkommen. Ich spürte die Rempler nicht mehr. Dann war die Kraft in meinen Beinen weg. Ich fiel auf den Bahnsteig. Sofort bildete sich eine dankenswerte Blase um mich herum. Eine Frau trat zu mir, legte mir die Hand auf die Schulter und fragte, ob alles ok sei. Nichts war ok. Die Hand auf der Schulter war unerträglich. Kaum hörbar flehte ich darum, mich nicht anzufassen. Wenn ich eines jetzt nicht gebrauchen konnte, dann waren es noch mehr Reize.

Ich musste hier raus. Irgendwie schaffte ich es zurück auf die Beine. Sie zitterten. Doch kaum dass ich wieder stand, trillerte der Zugbegleiter einen Schritt neben mir zur Abfahrt. Reflexartig presste ich mir die Hände auf die Ohren. Der schrillte Ton war zu viel. Ich wollte heulen. Schreien. Und zwang mich doch zur Kontrolle, weil ich immer noch mitten unter Menschen war. Die ich schon längst nicht mehr war nehmen konnte. Tunnelblick. Ich habe auch kaum jemanden sprechen hören. Die Frau redete etwas davon, dass es ja auch kaum hilft, dass alle starren. Sie bot mir wieder ihre Hilfe an. Ich lehnte ab. Weil ich nicht wusste wie ich erklären sollte, dass ich Autistin bin. Dass das hier ein Overload war. Verursacht durch meine veränderte Sinneswahrnehmung. So ging ich einfach in Richtung Straßenbahn. Mit den Worten, dass ich es schon irgendwie schaffen würde.

Ich schaffte es nicht. Weiter hinten am Bahnsteig war es ruhiger. Hinter einer dicken, rechteckigen Säule setzte ich mich einfach auf den Boden. Ich zitterte. Und heulte letztendlich wirklich. Meine Gedanken fuhren Achterbahn. Alles in mir sträubte sich, die Fahrt mit der Straßenbahn anzutreten. Sollte es ähnlich wie am Vortag laufen, würde ich noch vollkommen die Kontrolle über mich verlieren. Es ging nicht. Doch wie sollte ich sonst vom Bahnhof wegkommen?

Ich begann erste Hilferufe über mein Handy abzusetzen. Eine an B, einen an C1. Beide etwa 100km von mir entfernt. Fahrzeit; wenigstens 1,5 Stunden. Ich wusste nicht, wie sich der Overload noch entwickeln würde. Meiner Mutter schrieb ich „OL“. Mein Kürzel für Overload. Sie sah nicht aufs Handy. Natürlich, sie war doch auf der Arbeit. Irgendwann entschloss ich mich, sie anzurufen. Vielleicht hatte sie eine Idee. Könnte Hilfe organisieren. Vorbeikommende Passanten ignorierten mich größtenteils.

Meine Gedanken liefen nicht mehr rund. Anstatt meine Mutter auf dem Handy anzurufen, wählte ich die Festnetznummer. M ging dran. Ich erkannte meinen Fehler, und gratulierte ihm unter Tränen zum Geburtstag. Doch irgendwas an meiner Art ließ ihn erkennen, dass gerade etwas absolut nicht in Ordnung war. Er reichte mich an B weiter. Mit ihm versuchte ich zu beratschlagen, was man jetzt tun könnte. Dabei war ich kaum in der Lage zu denken. Oder zu handeln. Es wurden zu viele Entscheidungen von mir abverlangt, die ich nicht mehr länger treffen konnte. P riet, einen Rettungswagen zu rufen. B wollte versuchen, seinen Patenonkel zu erreichen. Wir beendeten das Gespräch und ich versuchte aufzustehen. Jemand beobachtete mich dabei. Es muss nicht sehr gut ausgesehen haben, denn dieser jemand wollte jetzt Hilfe holen. Ein vorbeifahrender Zugführer rief mir kurz darauf zu, dass Hilfe unterwegs sei. Und so blieb ich weiter sitzen.

Der Patenonkel ließ sich nicht erreichen. Die zugesagte Hilfe ließ mittlerweile 10 Minuten auf sich warten. 20 Minuten. Wieder sprach mit jemand an. Ich erklärte, dass ich schon seit 20 Minuten auf Hilfe warten würde. Meine Stimme war noch immer schwach. Eine weitere Frau hörte mit und bemerkte, dass man mich doch hier hinten nicht finden würde. Wir müssten runter in den Bahnhof. Sie halfen mir auf und wir gingen zusammen runter. Auf dem Weg hielt ich mich überall fest, wo ich konnte. Meine Knie ließen sich nicht bewegen. Ich kam zwar voran, aber es muss sehr seltsam ausgesehen haben.

Unten wunderte ich mich doch darüber, wie still es im Bahnhof war. Trotz der vielen Leute. Die ältere der beiden Frauen lief voraus und kam kurz darauf mit drei Bundespolizisten im Schlepptau zurück. Die fragten zuerst, was denn passiert war. Als sie mich bemerkten, stützten zwei mich augenblicklich. Vielleicht waren es die dicken Handschuhe der Polizisten, weshalb mir die Berührung plötzlich kaum noch was ausmachte. Sie setzten mich in das nächste Lokal auf einen herbeigeschafften Stuhl. Der Betreiber bot etwas zu trinken an. Ich wurde nochmal gefragt, was passiert sei. Ich umriss kurz die Situation mit meinem Vater, und dass ich auf dem Weg zurück zusammengebrochen sei. Und dass das ein psychisches Problem sei. Die Polizisten einigten sich darauf, einen Rettungswagen zu rufen. Meine Personalien wurden aufgenommen. Währenddessen schaltete ich immer weiter ab. In meinem Kopf entstand eine seltsame, taube Leere. Als man mich wieder etwas fragte, schaffte ich es nicht mehr zu antworten. Es war zu kompliziert geworden, den Mund zu öffnen und passende Laute von sich zu geben. Ich schnappte mir mein Handy und tippte mit zittrigen Fingern irgendwie die Antwort ein. Dann gab ich schließlich meine Diagnose bekannt. Mittlerweile schaukelte ich auch leicht. Mit dem Handy erklärte ich, dass ich früher oder später wahrscheinlich keinerlei Entscheidungen mehr treffen könnte. Man nahm es zur Kenntnis.

Nach fünf bis zehn Minuten kam dann der Rettungsdienst. Man rief in einer Psychiatrie an und fragte, ob für einen Notfall noch was frei war. Um weniger Aufmerksamkeit zu erregen beschloss man, dass ich möglichst selbstständig zum Rettungswagen gehen und nicht getragen werden sollte. Also ging ich, wieder gestützt von zwei Männern.

Im Rettungswagen fand ich dann kurz meine Sprache wieder. Ich wurde gefragt, wie oft so etwas schon passiert wäre. Ich antwortete, dass ich nicht mehr mitzählen würde. Aber das eindeutig das erste Mal sei, dass es derart ausgeartet sei. Als wir bei der Psychiatrie aber ankamen, war meine Sprache wieder weg.

Sie kam wieder zurück, als eine der Ärzte nach vorne kam und sich meiner annahm. Seltsamer Weise fragte man mich, ob ich tatsächlich Autistin sei. Anamnese, dann wurde beschlossen, mich für wenigstens eine Nacht aufzunehmen. Notfallintervention. Ich wurde auf die Station gebracht, wo mir Blut abgenommen wurde. Beim Pflaster protestierte ich laut. Ich hatte meine Pflasterallergie zuvor schon angegeben. Was die neu hinzugekommene Dame aber nicht mitbekommen hatte.

Wieder wurden meine Daten aufgenommen. Mitten im Prozess klingelte das Telefon. Ich dachte mir nichts dabei. Bis man mir sagte, dass meine Mutter am Telefon sei. Ich nahm den Hörer und fragte zuerst einmal irritiert, woher sie denn wüsste, wo ich sei. Ich hatte bei der Bundespolizei schon aufgegeben, jetzt noch irgendjemanden zu informieren. Sie hatte sich aber mit B erfolgreich durchtelefoniert. Und so stand ich plötzlich vor der Wahl; Entweder stationär in der Klinik bleiben, oder mich abholen lassen und in die Heimat zu meinen Verwandten. Noch am selben Abend. Die Entscheidung fiel augenblicklich. Wenn es möglich war, wollte ich hier raus. Raus aus der unbekannten Situation, mit unbekannten Leuten, wahrscheinlich noch mit einem aufgedrückten Tagesplan, und ohne etwas mehr als einer leeren Pfandflasche, meiner Geldbörse, dem Handy und den Klamotten, die ich gerade anhatte. Und das wo ich genau wusste, dass ich am nächsten Tag wahrscheinlich nur noch üble Kopfschmerzen haben würde (ich sollte Recht behalten).

Man ließ mich zuerst im Bereitschaftszimmer warten. Als das nicht mehr besetzt war, setzte man mich auf den Flur. Ich blieb dort einfach und wartete. Telefonierte zwischendrin mit Verwandten, um meine wilden Gedanken ordnen zu können. Ab und zu kamen andere Patienten vorbei, aber im Allgemeinen hatte ich meine Ruhe. Bis irgendwann schließlich meine Mutter kam und mich abholte.

Es gab dann übrigens noch eine dankbare Überraschung. Zwischendrin hatte gefühlt schon die gesamte Verwandtschaft erfahren, dass bei mir etwas vorgefallen war. In der Folge hatte T2 vorgeschlagen, dass ich erst einmal zu ihnen komme. Grund; Ein quasi auf einer eigenen Etage gelegenes Gästezimmer. Mit Bad nebenan. Dort konnte ich mich erstmal erholen, bevor es tatsächlich zurück nach Hause ging.

 

Ein Gedanke zu „Der schlimmstmögliche Fall

  1. Wow, das war eine wirklich eindrückliche Schilderung!
    Beim Lesen kam mir eine Frage: Wie würdest du dir wünschen, dass ein Passant reagiert, wenn er dich in einer solchen Situation findet? Oder mit anderen Worten: kann man in einer solchen Situation irgendwie helfen? OK, nicht einfach anfassen, im Zweifel Notruf. Aber sonst?
    Hast du für solche Notfälle irgendwas dabei, falls du selbst dich nicht mehr äußern kannst (Infokarte oder so im Geldbeutel) damit man dich nicht zB für „unter Drogen“ hält oder so?

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