Ella Schön Folge 4 – Kritik einer Autistin

Da sich bezüglich der Darstellung der autistischen Figur der Ella Schön zu Glück noch immer nichts geändert hat (wieso das gut ist, beschrieb ich in der Kritik zur vorherigen Folge schon), will ich dieses Mal mehr auf den Umgang von Ella Umfeld mit ihr eingehen. Denn dort gibt es doch ein paar auffällige Punkte

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Hört endlich einmal zu!

Stellt euch Mal vor, euch fehlt die Auskunft zu einem Termin. Nur ohne einen solchen Termin ist die Abhandlung eines dringend benötigen Austausches aufgrund eurer Behinderung nicht möglich. Ihr bittet also, weil ihr aufgrund eurer Behinderung selbst nicht telefonieren könnt, jemand anderen um Holen einer Auskunft. Am Ende ist diese falsch, und die verantwortlichen wollen bloß nicht schuld sein. Obwohl ihr heulend und zitternd vor ihnen steht, heißt es sogar noch
„Es ist doch alles gut.“
Auf die Idee, sich Mal hinzusetzten und zu schauen, wie derartiges in Zukunft verhindert werden kann, kommt keiner.

Es geht ja nur um Menschen mit Behinderung, die sich anstellen.

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Der geballte Hass

Es ist zum Schreien. Da kommt einmal eine Autistin richtig groß in den Medien und was passiert? Seit Freitag, seit den Meldungen über das World Economic Forum wird die Autismus-Stichwort-Suche überschwemmt von einer derart geballten Angriffswelle gegen eine engagierte 16-jährigen, für den Hass ein zu mildes Wort zu sein scheint.

16-jährige? Autistin? Ja, ich rede von Greta Thunberg. Ihre Diagnose macht sie selbst auf ihrem Twitter-Profil öffentlich. Es gibt folglich keinen Zweifel daran, dass sie Autistin ist. Dass die Medien das nicht immer erwähnen liegt daran, dass es für ihr politisches Engagement schlicht keine Rolle spielt. Tatsächlich gehen damit die meisten Medien sehr gut dem Fehler aus dem Weg, aus dem bewundernswerten politischen Engagement einer jungen Frau schädlichen Inspiration-Porn zu machen. Hier läuft es genau so, wie es sein sollte. Sie rückt für das ins Rampenlicht, was sie tut. Nicht dafür, was sie ist.

Nur offensichtlich passt es so einigen nicht, dass da eine 16-jährige aufsteht und klar sagt, was Sache ist. Dass wir handeln müssen, wenn wir eine Zukunft für die Menschheit haben wollen. Noch dazu eine junge Frau mit einer Behinderung. Eine Autistin! Die Folge sind unglaubliche Unterstellungen. Man versucht sie mit ihrem Alter und ihrem Autismus unglaubwürdig wirken zu lassen. Ich möchte hier Mal zusammen fassen, was da für unwahre Aussagen getroffen werden

  1. Greta leidet (!) mit Autismus unter einer Geisteskrankheit
  2. Sie ist nicht autistisch, sondern hat FAS/Trisomie 21
  3. Greta ist psychisch krank
  4. Greta ist verhaltensgestört/hat eine Psychose/wahnhaft/ect.
  5. Greta wird nur manipuliert
  6. Greta wird von ihren Eltern/den Grünen/den Linken/den „Klimagläubigen“/den Medien missbraucht
  7. Das (behinderte) Kind muss geschützt werden!

Einzig Punkt 3 kann potentiell noch korrekt sein, ist doch bei Greta eine Depression diagnostiziert worden. Die Frage ist jedoch, ob diese mehrere Jahre alte Diagnose noch bestand hat. Zudem wird hier in den Angriffen wieder oft Autismus als psychische Krankheit dargestellt, was schlicht falsch ist. Wobei das zugegebener Maßen kaum eine Rolle spielt, wenn man eine Person aufgrund einer mutmaßlichen psychischen Krankheit abwerten will. Die menschenverachtende Einstellung bleibt.

Man ist vielleicht dazu geneigt daher zu gehen und zu sagen, so eine offensichtliche Diffamierung sollte man gar nicht erst beachten. Man greift Greta über ihren Autismus, ihr Aussehen und ihr Alter an, um sich gar nicht erst mit ihren Aussagen auseinander setzen zu müssen. Und auch, wenn langsam ein Gegenprotest anläuft. Langsam immer mehr Leute sagen, dass diese Angriffe schlicht feige sind. Die meisten Medien erwähnen es nur kurz und tun dann so, als würde dieser Angriff nur Greta persönlich betreffen. An dieser Stelle kann ich als Autistin jedoch nicht zustimmen.

Was gerade Greta passiert, kann jedem Autisten passieren, der aus welchem Grund auch immer in die Öffentlichkeit gerät. Dessen Diagnose irgendwie bekannt ist. Sei es nun selbst online gestellt, oder über griffig durch Dritte. Was gerade passiert, betrifft in meinen Augen nicht nur Greta. Nein, es betrifft alle Autisten. Wenn man ihr Fähigkeiten aufgrund ihres Autismus so schnell und ohne Widerspruch absprechen kann, überträgt sich das enorm schnell auch auf andere. Und sei es nur durch falsche Bilder, die erneut verbreitet werden. Autisten seien generell nicht in der Lage zu reflektieren, Entscheidungen zu treffen, Sachverhalte zu erfassen, schizophren … die Liste lässt sich gefühlt unendlich fortführen.

An dieser Stelle unterlaufen übrigens auch den Verteidigern von Greta Fehler. Man merkt zwar deutlich, dass es oft nur gut gemeint war. Doch gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. So stellte jemand klar, nur weil Autisten sich schlecht artikulieren könnten, wären sie noch lange nicht dumm. Andere verweisen auf die Inselbegabung, die ja oft mit Asperger-Autismus einher gehe (und vergessen vollkommen, dass es nur 50 „erstaunliche“ autistische Savants weltweit gibt). Und wiederum andere stellen die Behauptung auf, dass Asperger-Autismus keine Behinderung sei und damit all die Vorwürfe hinfällig. Nur, damit überlässt man nicht nur weiterhin alle anderen behinderte Menschen der Abwertung, sondern erkennt auch pauschal allen Asperger-Autisten die Notwendigkeit von Hilfen und Nachteilsausgleichen ab. Das kann auch keine Lösung sein, um gegen diesen Hass vorzugehen.

Auch Zeitungen sind hier Mal wieder vor Fehlern nicht gefreit. Im Tagblatt finden sich in einem Artikel zu Greta gleich mehrere Fehler. Der Freitag hat in seinem Artikel zwar einen genialen Abschlusssatz, stellt Asperger-Autismus aber wieder als milde Variante da.

Am Ende bleibt aber vor allem eins: Ein gewaltiger Schrecken darüber, wie wenig Widerspruch es in Deutschland anscheinend gibt, wenn jemand über seine Behinderung abgewertet wird. Denn was in den vergangenen Tagen so geballt auf Greta einschlug, ist irgendwo ständig präsent. Und wenn es darum geht, dass man eine Behinderung oder Krankheit nicht zur Abwertung benutzen darf, geht es uns alle etwas an. An der Stelle müssen alle klar machen, dass so etwas nicht geht.

Nur leider sehe ich die wenigsten das auch wirklich tun. Denn dazu müsste die Gesellschaft wohl auch generell an ihrer Einstellung gegenüber von Krankheit und Behinderung gewaltig etwas ändern.

Inspiration? – Aber nicht einfach, weil ich behindert bin

Kennt ihr den Begriff „Inspiration Porn“? Dieser Begriff wurde von der Behindertenaktivistin Stella Young eingeführt. Er beschreibt den Umstand, dass Handlungen von behinderten Menschen von nicht-behinderten als „inspirierend“ bezeichnet werden, weil die Person behindert ist. Die Handlung selbst ist dabei ziemlich banal. Sie wird nur zu etwas außergewöhnlichem gemacht, weil die handelnde Person eine behinderte Person ist.

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